Frequentis-CEO: "Die Ressentiments sind weg"
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Norbert Haslacher ist mit Begeisterung weltweit bei seinen Kunden unterwegs. Sein Arbeitspensum sieht man dem CEO der Frequentis AG nicht an. Er lebt sein Geschäft. Der Börsianer trifft den gebürtigen Wiener nach genauen Sicherheitschecks in der Frequentis-Zentrale im Aviation Studio, in dem normalerweise hochrangigen Kunden die Produkte im Bereich Drohnen, die Software zur Sprachkommunikation und der Remote Digital Tower gezeigt werden. Was kann die Frequentis, was sonst niemand kann, haben wir Norbert Haslacher gefragt und mit ihm über Kamikazedrohnen, ein salonfähiges Defense-Geschäft, den hauseigenen Venture-Capital-Investor und den anstehenden Technologiewechsel diskutiert, der Milliarden in die Kassen spülen soll.
Herr Haslacher, die Konzernzentrale der Frequentis AG befindet sich im zehnten Wiener Bezirk in der Innovationsstraße 1. Ist das Programm, oder heißt das so, weil Sie hier Ihren Sitz haben? – Norbert Haslacher (lacht): Beides. Die Straße hat es vorher nicht gegeben. Ein interner Wettbewerb hat dann Innovationsstraße daraus gemacht.
Die Aktie der Frequentis AG hat im Vorjahr an der Börse einen sehr guten Lauf gehabt. Obwohl Sie kein Rüstungsunternehmen sind, haben Sie sichtlich vom Rüstungsboom profitiert. Warum schwimmen Sie da so mit? – Seit dem Börsengang erzählen wir sehr konsistent eine Geschichte, die besagt, dass Frequentis von Beginn an eine Nische besetzt, die sich auf sicherheitskritische Kontrollzentralen fokussiert. Wir liefern Infrastruktur für Polizeieinsatzleitsysteme, die militärische und zivile Flugsicherung, maritime Rettungszentralen und auch für Bahneinsatzleitzentralen. Und wir haben deshalb sicher von der Bedrohungslage in Europa und dem ganzen Defense-Thema profitiert, weil wir 20 Prozent des Umsatzes mit militärischen Organisationen machen.
Defense ist salonfähig? – Am Kapitalmarkt ja. Die Schwellen, wie viel ein Fonds in Unternehmen investieren darf, die Defense-Business machen, haben sich verändert. Die Ressentiments sind weg. Zumindest spüren wir das nicht mehr in den Investorengesprächen. Ganz im Gegenteil. Es gibt sehr viel Zuspruch, noch mehr Defense-Geschäft zu machen.
Und weil das Thema Sicherheit ein Megatrend ist. – Ja, das Sicherheitsbedürfnis ist neben der steigenden Mobilität und dem großen Technologiewechsel einer der drei wesentlichen Megatrends, die Investitionen in diese Infrastruktur begünstigen. Ein Treiber war sicher das Bestreben der Nato-Länder, fünf Prozent der Wirtschaftsleistung in Rüstung plus der dazugehörigen Infrastruktur zu investieren. Es gibt viel Fantasie, dass dafür bei Behörden viel Geld vorhanden ist. Wir sind seit vielen Jahren im Forschungsbereich bei der Integration des Drohnenverkehrs in einem geregelten Luftraum aktiv. Es gab Vorfälle mit Drohnen bei Flughäfen in Polen, in Dänemark und in Norwegen. In Polen ist eine russische Drohne 500 Kilometer in den polnischen Luftraum geflogen, ohne erkannt zu werden. Das sind Verletzungen von nationalen, souveränen Lufträumen, die man in der Form nicht zulassen darf.
Ein europäischer Drohnenwall ist doch kaum finanzierbar. – Aus meiner Sicht nicht. Aber kritische Infrastrukturelemente sind schützenswert. In Deutschland sind das fast 1.800 einzelne Elemente und Infrastrukturteile. Wenn man die Zahl auf Europa extrapoliert, handelt es sich um zehntausende, die man schützen muss. Die werden durch die Antidrohnenabwehr und Drohnenerkennungssysteme gesichert.
Und Frequentis entwickelt diese Systeme? – Wir aggregieren Daten in einer Software, um festzustellen, welche Art von Drohne im Luftraum unterwegs ist. Und es ist zu ermitteln, ob diese Drohne einen Flugplan abgegeben hat und registriert ist und somit als freundlich einzustufen ist. Man kann ja nicht in Friedenszeiten anfangen herumzuballern. Da muss schon ein Prozess durchlaufen werden, der zum Ergebnis hat, ob eine Drohne freundlich oder feindlich ist. Diese Freund-Feind-Erkennung machen wir.
Wie funktioniert das? – Eine Drohne muss Transponderdaten aussenden, und in der Regel kann ich aufgrund dieser Transponderdaten feststellen, wer der Eigentümer oder Operator dieser Drohne ist und ob bei der Flugsicherung ein Flugplan abgegeben wurde, der freigegeben ist. Zusätzlich gibt es Drohnenradare sowie optische und akustische Sensoren am Boden. Nach der Freund-Feind-Erkennung wird freundlichen Drohnen der Weiterflug gestattet.
Was passiert bei einer feindlichen Drohne? – Bei einem Feind können Funkfrequenzen gestört werden. Es kann sich aber auch um eine Kamikazedrohne handeln, die in die andere hineinfliegt und diese zum Absturz bringt, oder sie wird mit Laser heruntergeholt. In der Ukraine hat man gelernt, dass sehr viel mit ganz dünnen Glasfaserkabeln geflogen wird. Über Kilometer hinweg liegen hunderttausende Glasfaserkabel herum. Da ist Jamming nicht effektiv. Dafür gibt es Drohnen, die ein Netz ausschießen, damit die feindliche Drohne einfangen und zum Standort bringen. Es gibt mittlerweile Drohnen, die ein großes Maximalgewicht transportieren. Da können biologische Substanzen enthalten sein, es kann sich um Kampfstoffe handeln. Deswegen ist es besser, Drohnen zu fangen und nicht zum Absturz zu bringen.
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Welche Ihrer Kunden setzen die Drohnen-Software ein? – Im zivilen Bereich gibt es mehrere europäische Flugsicherungen, unter anderem die Austro Control, die bulgarische Flugsicherung und eine Flugsicherung im Baltikum. Es gibt dazu auch ein großes Projekt in Australien. Und jetzt transportieren wir das in den militärischen Bereich. Dort ist der erste Auftraggeber in Form eines Forschungsprojekts und eines Proof-of-Concept die deutsche Bundeswehr. Diese hat uns kürzlich am Fliegerhorst Ingolstadt/Manching in Bayern mit der Erprobung der Fähigkeit für Freund-Feind-Erkennung beauftragt.
Wie hoch ist das Marktpotenzial, und wie steht es um den Mitbewerb? – Momentan gibt es relativ wenige Mitbewerber, es gibt sehr viele Start-ups, die sich mit Drohnenabwehr, und andere, die sich mit Drohnenerkennung beschäftigen. Die Sensoriken und vor allem auch die Software wird sehr europalastig sein. Das europäische Vergabegesetz hat sich auch dahingehend geändert, dass europäische Firmen im sicherheitskritischen Bereich mehr Punkte bekommen können als ausländische Firmen. Es handelt sich durchwegs um öffentliche Vergabeverfahren. Das ist für Frequentis sehr unterstützend. Wenn man das auf Europa hochrechnet, handelt es sich um einen sehr, sehr großen Markt. Momentan sind die Staaten gerade dabei, ihre Drohnenstrategie und Drohnenabwehrstrategien zu entwerfen.
Haben Sie persönlich eine Drohne, und können Sie diese fliegen? – Meine Kinder haben Drohnen, und ich schaue zu, wie sie geflogen werden.
Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Frequentis? – Im sicherheitskritischen Bereich muss man Software nach ganz anderen Methoden entwickeln, damit sie von Regulierungsbehörden freigegeben werden können, als im kommerziellen Bereich. Da sind wir Profis. Viele der Start-ups kommen aus dem Commercial-Bereich und sehen, dass es spezielle Vorschriften und Standards gibt, die relativ hoher Investitionsvolumina bedürfen. Wir beobachten, dass viele Start-ups mit guten Ideen kommen, aber relativ schnell wieder weg sind, wenn die Finanzierungen nicht mehr passen. Und die wenigsten haben das Know-how, die Prozesskette in einer Flugsicherung zu verbinden und die Daten zu verifizieren.
Bringt es Vorteile, wenn Sie in einem Land bereits registriert sind? – Absolut. Wir sind weltweit einer der Top-Provider von Flugsicherungssystemen. Wir haben in diesem Markt eine sehr gute Reputation. Jeder kennt uns und traut uns natürlich auch zu, die ganzen Standards und Regularien gut zu kennen und Software so zu entwickeln, dass sie die entsprechenden Zulassungen bekommt. Wenn man die Sicherheitsfreigabe nicht hat, kommt man gar nicht auf die Luftwaffenstützpunkte. Wir haben diese Freigabe nahezu überall in den Nato-Staaten.
Ist die Software immer speziell auf einzelne Kunden zugeschnitten? – Der Kern der Software ist der gleiche, aber jedes Land und sogar jeder Standort hat unterschiedliche Voraussetzungen, was die Sensorik betrifft. Gerade in Europa werden die Staaten versuchen, ihre lokale Industrie zu unterstützen und damit die Produktion lokaler Sensoriken einzusetzen. Das bedeutet für uns, dass wir agnostisch mit all diesen Sensorherstellern aufgrund von Standardschnittstellen zusammenarbeiten können und müssen.
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Die Frequentis AG ist seit fast sieben Jahre an der Börse. Seitdem gab es zehn Akquisitionen. Geht das so weiter? – M&A ist Teil unserer DNA. Das war davor in der Form nicht so. Als ich bei Frequentis begonnen habe, war das Unternehmen ein sehr stark wie ein Ingenieursbüro getriebenes Institut. „Nicht hier erfunden“ war der Klassiker in dieser Firma. Aber die Time to Market ist natürlich ganz anders, wenn ich alles selber bauen muss. Vor allem, wenn wir Technologien jetzt brauchen und nicht erst in fünf Jahren. So sind wir auf diese zehn Akquisitionen gekommen. Wir haben den Markt sehr gut analysiert und ein eigenes Marktmodell gebaut, um die Größe des Markts der sicherheitskritischen Kontrollzentralen zu eruieren. Unseren Schätzungen nach beträgt das Ausschreibungsvolumen 14 Milliarden Euro pro Jahr. Und der Markt wächst etwa vier bis fünf Prozent pro Jahr.
Wie viel von diesem Markt können Sie abdecken? – Wir waren beim IPO bei etwa zweieinhalb Milliarden Euro. Mittlerweile sind es vier Milliarden. Das haben wir auch deshalb erreicht, weil wir unsere Produktpalette durch Akquisitionen erweitert haben. Es ist viel leichter, bereits bestehenden Kunden neue Produkte zu verkaufen als in neuen Märkten neue Produkte zu positionieren, wo sie niemand kennt. Wir liefern in 150 der 193 Länder. In fast jedem Land ist bei der Flugsicherung ein Frequentis-System im Einsatz.
In welchen Bereichen gibt es kundenseitig die größte Nachfrage? – Wir sind in den letzten Jahren in allen Segmenten und Regionen gewachsen. Wir erwarten in den nächsten Jahren eine verstärkte Nachfrage in der Flugsicherung.
Auch wegen der stärkeren Verbreitung von Drohnen? – Das ist nur ein Teil. Wenn man sich die Prognosen von Boeing, Airbus, Embraer oder mittlerweile auch des chinesischen Herstellers Comac anschaut, kommen jährlich 1.500 neue Flugzeuge in den Luftraum. Jedes neue Flugzeug muss natürlich eine entsprechende Äquivalenz auf der Bodeninfrastruktur haben. In Asien außerhalb Chinas werden in den nächsten zehn Jahren um die 200 neue Flughäfen entstehen. Das begünstigt unser Geschäft, weil wir aufseiten der Bodeninfrastruktur unterwegs sind. Der Technologiewechsel wird uns auch sehr beschäftigen.
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Was hat es damit auf sich? – Durch das Forschungsprojekt Single European Sky ATM Research Programme wird die europäische Flugindustrie von mikroelektronischen Systemen in Richtung IT-Systeme wechseln. Auch bei der Bahn hat die GSM-Technologie ihr Ende erreicht. Jetzt denken Sie mal zurück, wann Sie zuletzt GSM auf Ihrem Handy gesehen haben. Wir bieten dafür mit MCX eine Software an, die auf 5G aufsetzt, um Mission-Critical-Sprachkommunikation, Datenkommunikation und Massenvideos übertragen zu können. Das Gleiche gibt es in Ländern, die den Digitalfunk gemeinsam haben. Die Polizei, die Rettung oder die Feuerwehr läuft mit Funkgeräten herum auf Basis von Tetra. Dieses System kann nur Sprache übertragen. Aber in der heutigen Zeit werden massenhaft Videos gefilmt. Deshalb braucht eine Einsatzleitzentrale der Polizei viel mehr Informationen. Dafür wird es in Europa in den nächsten zehn bis 15 Jahren signifikante Investitionen geben, um GSM und Tetra loszuwerden und mit 5G MCX zu ersetzen.
Wie groß ist das Geschäftspotenzial in diesem Bereich? – Das ist ein Milliardenmarkt.
Sie machen mehr als 23 Prozent des Umsatzes in ganz Amerika. Sehen Sie angesichts der politischen Spannungen die Gefahr, dass Ihnen Geschäft wegbricht? – Ich muss sagen, seitdem Trump da ist, machen wir mehr Geschäft als je zuvor. In der Flugsicherung kommt Innovation nicht aus Amerika. Die kommt aus Europa. Die Amerikaner haben in der zivilen Flugsicherung viele Vorfälle gehabt. Trump und seine Regierung haben aus meiner Sicht zu Recht gesagt, dass in die Flugsicherung investiert werden muss. Es wurde ein Budget von zwölf oder 13 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt, um die Flugsicherung zu reformieren.
Da wollen Sie auch dabei sein? – Da sind wir schon dabei. Unsere Lösungen kommen außerdem seit vielen Jahren auf allen 14 US-Flugzeugträgern zum Einsatz.
Gibt es neue Geschäftsfelder, in die Sie vordringen wollen? – Natürlich. Wir haben dazu eine Corporate-Start-up-Mentalität in unserem Geschäftsmodell etabliert und unser New-Business-Development vom klassischen Geschäft getrennt. Die Mentalität des Scheiterns können wir uns im herkömmlichen Geschäft nicht erlauben. Aber im New-Business-Development können Dinge ausprobiert und wieder beendet werden.
Wie funktioniert das? – Wir agieren anfangs wie ein Venture-Capital-Investor, und falls es gut läuft, wie ein Private-Equity-Investor. So haben wir begonnen, neue Themen und neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Eines ist davon das MCX. Auch Drohnen waren früher im New-Business-Development. Wir arbeiten in Österreich, Europa und Amerika auch viel mit Universitäten zusammen. Das läuft dann so: Zuerst bauen wir einen Prototyp, dann wird ein erster Kunde gefunden, der Interesse zeigt. Wenn ein zweiter und dritter Kunde das Produkt im Einsatz hat, wird es auf den Weltmarkt gebracht. Wir haben immer die Philosophie, mit jedem Produkt Weltmarktführer zu werden.
Welches Thema verfolgen Sie aktuell? – Der Schwerpunkt liegt auf der Forschung und Entwicklung für autonomes Fahren. Wir arbeiten mit Lkw-Herstellern und Lkw-Betreibern zusammen. Dabei geht es darum, Kontrollzentralen so auszustatten, dass man einen sicheren Fernverkehr für autonom fahrende Lkws etablieren kann. Auch mit dem Thema Space beschäftigen wir uns aktuell.
Welches Marktpotenzial sehen Sie darin? – Raumfahrt in Europa wird viel Geld bekommen, weil die ESA eigenständiger agieren will, was die eigene europäische Satelliteninfrastruktur betrifft. Satellitenlaunches werden zunehmen, Und da wird es auch am Boden Infrastruktur und Kontrollzentralen brauchen, um Daten richtig verarbeiten zu können. Ich war unlängst in Norwegen, wo die Space-Launches stattfinden. Ich bin stolz darauf, dass unsere Systeme dort im Einsatz sind, um eine Rakete nach oben zu bringen. Die Nasa setzt unsere Systeme bereits am Boden ein.
Wie stark zieht Aufsichtsratschef Hannes Bardach noch die Fäden bei der Frequentis? – Wir beide haben alle zwei Wochen ein Abendessen bei ihm zu Hause. Da tauschen wir uns darüber aus, was er in der Firma und was er am Markt beobachtet. Ich genieße den Austausch sehr. Ich glaube auch, dass das ein Teil des Erfolges ist, wenn Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender sehr gut zusammenarbeiten. Und das ist gar nicht so einfach, weil wir beide Alphatiere sind. Aber wenn man den Unternehmenserfolg über das eigene Ego stellt, dann funktioniert das. —

Autor 1
Chefredaktion, Börsianer Print, Börsianer Salon, Börsianer Roadshow
Autor 2
Finanzjournalist
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