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Interview
Perspektiven

Stagl: "Zickzackkurs schadet der Wirtschaft"

Die Klimaökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien war 2025 Wissenschaftlerin des Jahres. Jetzt hat sie in ihrem Buch „Krisenfest“ einen Weg in eine ­klimafitte Zukunft beschrieben. Wir haben bei einigen ihrer ­Thesen nachgehakt.

Veröffentlicht

06.11.2026

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2 min
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Sigrid Stagl in ihrem Büro an der WU Wien
Autorin: Sigrid Stagl veröffentlichte mit „Krisenfest“ ihr erstes populärwissenschaftliches Buch.

Österreich will 2040 klimaneutral sein, die EU erst 2050. Ist Österreich damit, wie ­Georg Knill, Präsident der Industriellenvereingigung (IV), sinngemäß argumentiert, wirtschaftlich „dumm“? – Sigrid Stagl: Nein. Das ist ein grundlegendes Missverständnis. Österreich hat sich im Rahmen der europäischen Verpflichtungen ein bestimmtes CO2-Budget zugeteilt. Nach den derzeitigen Berechnungen haben wir dieses bereits 2040 aufgebraucht, auch weil unsere Klimapolitik in der Vergangenheit zu wenig ambitioniert war. Würden wir die Emissionen jetzt stärker reduzieren, könnten wir uns für die letzten Emissionen länger Zeit lassen. Dänemark macht genau das.

Warum sollen österreichische Unternehmen früher am Ziel sein als ihre europäischen Konkurrenten? – Weil gerade der Zickzackkurs Kosten verursacht. Unternehmen brauchen Planbarkeit. Wenn politische Ziele gesetzt, wieder zurückgenommen und anschließend erneut verändert werden, verhindert das Investitionen und Innovation. Das sieht man etwa an der deutschen Autoindustrie. Klare Vorgaben können dagegen Innovation auslösen. Ein simples Beispiel ist die Glühbirne: Mit ihrem Verbot kamen innerhalb kürzester Zeit wesentlich effizientere LEDs.

Eine Glühbirne auszutauschen ist aber etwas anderes, als eine gesamte Volkswirtschaft zu dekarbonisieren. – Natürlich. Deshalb brauchen wir nicht nur technologische, sondern systemische Innovation. Es geht darum, ganze Systeme effizienter zu machen. In der Landwirtschaft etwa durch Präzisionslandwirtschaft, moderne Technologien, einen höheren Anteil pflanzlicher Proteine und eine andere Förderstruktur. Viele Technologien dafür kennen wir bereits. Entscheidend ist, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass Innovation in diese Richtung gelenkt wird.

Die eigentliche Bruchlinie verläuft nicht zwischen Wirtschaft und Umwelt, sondern zwischen innovativen Unternehmen und jenen, die an veralteten Geschäftsmodellen festhalten.
Sigrid Stagl

Die USA gehen derzeit den umgekehrten Weg und setzen auf fossile Energien und kurzfristiges Wachstum. Kann Europa mit strengeren Klimaregeln überhaupt wettbewerbsfähig bleiben? – Das ist eine klassische Trittbrettfahrerproblematik, und deshalb braucht es internationale Kooperation. Aber man sollte nicht glauben, dass die amerikanische Politik ökonomisch effizienter ist. Wenn bereits finanzierte Windkraftprojekte gestoppt werden, obwohl Windenergie sehr niedrige Stromgestehungskosten hat, erhöht das nicht die Effizienz. Auch Österreich gibt jedes Jahr Milliarden für den Import fossiler Energieträger aus. Resilienz und Unabhängigkeit haben also einen konkreten ökonomischen Wert.

Bei technologischen Lösungen wie Carbon Capture sind Sie zurückhaltend. Werden wir ohne CO2-Entnahme überhaupt klimaneutral? – Wir werden Carbon Capture brauchen – etwa bei Zement, Abfall oder im Flugverkehr, wo Emissionen derzeit schwer vermeidbar sind. Mein Einwand ist vor allem ökonomisch: Wenn wir End-of-Pipe-Technologien überall einsetzen und damit die Produktionskosten um ein Viertel oder ein Drittel erhöhen, gefährden wir unsere Wettbewerbsfähigkeit. Wo Emissionen direkt im Produktionsprozess vermieden werden können, ist systemische Effizienz daher der bessere Weg.

Sie drehen damit ein verbreitetes Argument um: Nicht Klimapolitik gefährdet den Standort, sondern fehlende Klimapolitik – Die eigentliche Bruchlinie verläuft nicht zwischen Wirtschaft und Umwelt. Sie verläuft innerhalb der Wirtschaft: zwischen innovativen, vorausschauenden Unternehmen und jenen, die versuchen, veraltete Geschäftsmodelle möglichst lange weiterzuführen. Viele österreichische Unternehmen sind längst auf einem guten Weg. Was sie brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen, damit sich ihre Investitionen auch auszahlen.

Daniel Nutz

Autor

Daniel Nutz

Chefredaktion

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