Die neue Macht der CFOs
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Die CFO-Position hat sich im vergangenen Jahrzehnt vom Hüter der Zahlen zum Mitgestalter und Treiber der Transformation bei börsennotierten Unternehmen entwickelt. Finanzvorstände agieren als wichtige Sparringspartner der CEOs und geben grünes Licht für Wachstum. Vorn dabei sind Barbara Potisk-Eibensteiner bei der Österreichischen Post AG, Liane Hirner bei der Vienna Insurance Group AG und Vanessa Hellwing bei der Andritz AG, die täglich recht unterschiedliche Herausforderungen meistern und manchmal auch „Spaßverderber“ sind, wie die Börsianerinnen des Quartals im Gespräch mit der Börsianer-Chefredaktion erklären. In wie vielen Szenarien sie täglich denken, wann genau es Leadership braucht, warum eine Krise immer als etwas Gutes verstanden werden sollte und wieso wir nicht so weitermachen können wie bisher.
Global sind Ihre Unternehmen Andritz, Österreichische Post und Vienna Insurance Group derzeit mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Wie flexibel müssen Sie als Finanzvorständin sein? – Barbara Potisk-Eibensteiner: Sehr flexibel! Wir sind alle drei CFOs von börsennotierten Unternehmen. Es ist herausfordernd, in Zeiten hoher Volatilitäten dem Kapitalmarkt eine klare Guidance zu geben. Außerdem sehen wir bei der Post gerade auch deutliche Veränderungen im regulatorischen Umfeld
Haben Sie ein Beispiel? – Potisk-Eibensteiner: Wir sind als Post in Österreich plötzlich mit einer Paketabgabe konfrontiert, die als Gegenfinanzierung zur Mehrwertsteuersenkung eingehoben wird. Auch die EU plant ähnliche Schritte. In der Türkei werden seit Jahresbeginn Zölle auf Paketsendungen aus China eingehoben, damit ist das Geschäft mit großen Kunden wie Temu und Shein völlig verlorengegangen. Wir können noch nicht klar sagen, was diese Maßnahmen für unser starkes Paketgeschäft bedeuten. Auf der Briefseite sind wir stark reguliert, das Postmarktgesetz ist noch nicht an die heutigen Gegebenheiten und Bedürfnisse der Menschen angepasst. Zudem ist der Brief auch preisreguliert.
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Was heißt das für Sie als CFO? – Potisk-Eibensteiner: Vernünftig planen und auf der Kostenseite arbeiten.
Liane Hirner: Und sehr stark in Szenarien denken, weil die nahe Zukunft wahrscheinlich momentan leichter vorauszusagen ist als die langfristige Perspektive.
Vanessa Hellwing: Flexibilität ist sehr wichtig, aber dafür müssen wir auch eine stabile Basis für schnelle Entscheidungen schaffen und dabei Werte aus der Vergangenheit für einen weiteren Erfolg in der Zukunft transformieren. Bei Andritz sind wir dezentral aufgestellt. Heute geht es darum, integrierte Daten und Systeme zu haben, wir müssen die Durchgängigkeit von Prozessen darstellen können. Früher hat man Transformation Schritt für Schritt gemacht, heute ist es Bestandteil des Tagesgeschäfts.
Wie gehen Sie damit um? – Vanessa Hellwing: Man muss den Rahmen flexibel gestalten. Diese Feinheiten in der Transformation sind schon eine Herausforderung. Wir sind lokal aufgestellt und global diversifiziert. Wir versuchen parallel die administrativen und Finanzfunktionen zu zentralisieren, um mehr Flexibilität zu ermöglichen. Das Ganze natürlich immer mit Blick auf unsere Aktionäre.
Liane Hirner: Für mich ist Stabilität auch zentral. Unsere Versicherungsgruppe gibt es jetzt seit mehr als 200 Jahren. Da denkt man langfristig mit einer Spur Konservativismus.
Aber langfristige Planung funktioniert in der heutigen Zeit nicht mehr. – Liane Hirner: Man braucht schon eine stabile langfristige Basis, und als CFO muss ich dem auch treu bleiben. Das hat bei uns dazu geführt, dass wir eine der höchsten Kapitalausstattungen in Europa haben. Und so können wir als Versicherung aus einer Position der Stärke heraus in diesen volatilen Zeiten agieren und Schwankungen abfangen. Wir haben Ende 2025 als VIG unsere neue Strategie Evolve 28 präsentiert und da auch Financial KPIs für die nächsten drei Jahre veröffentlicht. Da liefere ich als CFO natürlich einen wichtigen Beitrag, auch weil sich die CFO-Position über die Jahre sehr stark verändert hat.
Inwiefern? – Vanessa Hellwing: Früher waren wir die Hüter der Zahlen oder für die Finanzierung von Wachstum verantwortlich. Jetzt sind wir mehr Mitgestalter der Strategie und Treiber der Transformation. Aber natürlich sind wir weiterhin ein Garant für Stabilität im Unternehmen.
Liane Hirner: Wir steuern finanzielle Ergebnisse, aber auch Risiken, und das sind kommunizierende Gefäße. Man muss auch sagen, vor 20 Jahren war vieles noch sehr manuell, deshalb ist auch unser Fokus heute ein anderer. Ich habe eine Doppelrolle und bin Finanz- und Risikovorständin, und das ist sehr außergewöhnlich, weil diese Rollen üblicherweise aufsichtsrechtlich getrennt sind. Da das Versicherungsgeschäft natürlich viel mit Risikomanagement zu tun hat, ist es effizient und effektiv, dass ich beide Funktionen vereine.
Vanessa Hellwing: Letztendlich ist es so, dass Planungsgrundlagen, Business-Cases oder Businesspläne in der heutigen Realität kaum noch standhalten. Das Einzige, was man heute sicher weiß, ist, dass in drei Jahren die Realität definitiv eine andere ist. CFO ist eine andere Aufgabe geworden.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Ja. Wir haben unsere Strategie letztes Jahr verabschiedet und sehen, dass der konjunkturelle Gegenwind vor allem in Osteuropa dazu führt, dass wir nicht so einfach reüssieren können – der Paketmarkt ist dort extrem kompetitiv.
Wie viel Macht haben Sie als CFO? Dreht man da auch manchmal Pläne des CEOs ab? – Liane Hirner: Wir arbeiten im Vorstand sehr stark zusammen. Aber es gibt immer wieder Themen, wo der CFO sich vielleicht durchsetzen muss, weil es einfach einen regulatorischen Rahmen gibt. Dieser Blick auf das große Ganze ist aus meiner Sicht extrem wichtig.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Leider müssen wir manchmal auch die Rolle des Spaßverderbers übernehmen, dies vor allem bei Akquisitions- oder Investitionsprojekten. Wir müssen die Stabilität des Unternehmens im Auge haben.
Vanessa Hellwing: Ja, das ist die eigentliche Herausforderung, dass wir zwischen zwei Welten stehen. Im Grunde sind wir Garant für Stabilität, aber auf der anderen Seite müssen wir so viel Flexibilität reinbringen, dass wir permanent anpassen können.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Ich sehe es genauso, die Anpassungsfähigkeit von Unternehmen ist mehr denn je gefragt. Wenn wir einfach weitertun, wie wir es immer getan haben, haben wir keine gute Zukunft.
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Um welche Themen geht es da? – Barbara Potisk-Eibensteiner: Zum Beispiel um die Lieferketten oder auch um Veränderungen im politischen Umbruch – denken wir an Ungarn. Dort passiert gerade enorm viel, und Unternehmen müssen rasch evaluieren, welche neuen Opportunitäten es unter neuen Rahmenbedingungen gibt. Im Gegensatz zu Andritz haben wir kein Projektgeschäft, was die langfristige Planbarkeit erleichtert, im Daily Doing haben wir aber die Herausforderungen, unsere Kapazitäten in den Logistikzentren sowie in der Distribution richtig auszusteuern.
Was beschäftigt Sie aus geopolitischer Sicht derzeit am meisten? Liane Hirner: Bei uns ist es sicher die Inflation, weil wir langfristige Verpflichtungen erfüllen müssen. Uns hilft, dass wir während Covid eine ähnliche Situation hatten, die haben wir ganz gut gemanagt und auch unsere Lehren daraus gezogen. Deswegen sind wir auch zuversichtlich, dass wir sie weiter gut managen können. Wir sind fast ausschließlich in der EU tätig, haben also nicht alle globalen Themen in der gleichen Stärke. Für uns spielt das Thema Naturkatastrophen auch eine wichtige Rolle, deswegen halten wir an unserer konservativen Rückversicherungspolitik fest, die uns auch als Gruppe schützt.
Das ist bei Andritz sicher anders. – Vanessa Hellwing: Unser Geschäft betrifft im positiven Sinne ganz klar der aktuell entstandene Energiehunger. Wir haben ein „all-time high“ im Auftragsbestand, sind im Hydropower-Bereich sehr stark unterwegs und haben uns dementsprechend auch im Waste to Energy sehr stark positioniert. Diese Entwicklung zu antizipieren und mitzunehmen treibt uns derzeit um.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Bei der Post ist es auch die Energie, aber nicht im positiven Sinn. Wir fahren in Österreich bereits mit einer grünen Flotte, das heißt also mit Strom und Biotreibstoff. In unseren Tochterunternehmen in der Türkei und CEE sind wir noch lange nicht dort, wo wir in Österreich mit der Elektrifizierung der Flotte sind. Ein zweites großes Thema ist die hohe Inflation in der Türkei und die sich ständig abschwächende türkische Lira.
Liane Hirner: Eine Krise sollte immer als etwas Gutes verstanden werden, weil sie Verwundbarkeiten aufzeigt. Das ist schmerzhaft, aber diese Themen muss man konsequent bearbeiten. Eine Vorstandssitzung oder ein Vorstandsjob ist eigentlich ständiges Krisenmanagement. Wenn man schaut, dass man eine angemessene Kapitalausstattung vorhält, dann wird man auch jede kleine Krise gut überstehen.
Sind Sie auch eine Krisenmanagerin? – Vanessa Hellwing: Es ist mehr die Steuerung oben drüber: Wo wollen wir wachsen? Wo müssen wir restrukturieren? Wo wollen wir weiter investieren? Und dementsprechend muss ich eine Kapitalallokation nach einer klaren Renditelogik aufsetzen. So gesehen ist es wohl auch eine Art Krisenmanagement.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Der CFO mit seiner Finanzorganisation hat meistens die Feuerwehrfunktion. Das heißt dort einzuschreiten, wenn es irgendwo nicht besonders gut läuft. Kann man sich auf diese Dinge vorbereiten? Nicht wirklich. Das poppt auf, und dann kümmern wir uns darum.
Liane Hirner: Die nächste Krise wird immer eine sein, die wir noch nicht erlebt haben. Meine Aufgabe ist es, das Risikomanagement richtig aufzustellen und eine Struktur reinzubringen.
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Vanessa Hellwing: Der Finanzbereich ist schon eine ganz wesentliche Basis für Strategie. Wenn man nicht die Transparenz hat, ist man im Blindflug unterwegs. Was sind die Hebel? Wie kann man das ausrichten? Das ist schon ganz wesentlich. Transformation ist das, was uns alle permanent beschäftigt. Ich fordere das auch permanent ein. Wir können nicht sagen, 175 Jahre ist ja alles gutgegangen, und mit Excel lief das immer super. Da muss ich als CFO auch Zeichen setzen und Transformation vorleben.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Wir nehmen indirekt großen Einfluss auf die Geschäftsmodelle, weil wir immer wieder fragen, wie schaut die Kostenseite aus? Wie könnte man es besser machen? Wie könnte man vielleicht das Pricing ändern? Zudem hat man mit der IT einen großen Einfluss auf die Prozesse.
Kosten einsparen spielt permanent eine Rolle? – Barbara Potisk-Eibensteiner: Natürlich.
Liane Hirner: Wir sind zwar in Europa tätig, aber über die globale Rückversicherung im internationalen Wettbewerb sind Kosten ein Riesenthema. Da hat Europa sehr viel verloren, wir sind überreguliert, und in Österreich packen sie noch sehr viel Goldplating zusätzlich drauf.
Obwohl die FMA sagt, dass das nicht der Fall ist. – Liane Hirner: Bei uns in Österreich gibt es schon eine Übererfüllung von europäischen Rechtsnormen. Es gibt zwar dieses Ziel von minus 25 Prozent von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von vor zwei Jahren, davon merken wir nichts. Im internationalen globalen Wettbewerb haben wir da schon sehr viel verloren, und wenn das weitergeht, wird es noch schwieriger.
Barbara Potisk-Eibensteiner: Bei der Österreichischen Post arbeiten viele Menschen, wir haben eine große IT, und wenn man dann auf die KV-Erhöhungen über die letzten Jahre schaut, sind wir bei 27 Prozent plus Inflation.
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Die Moral aus der Geschicht ist …? – Barbara Potisk-Eibensteiner: Wir arbeiten an unseren Prozessen, damit wir weniger Mitarbeiter brauchen.
Liane Hirner: Mit dem gleichen Personalstand die steigenden Anforderungen zu meistern schaffe ich nicht ganz, muss ich sagen. Hier dreht sich viel um IT-Systeme. Die Kostenauswirkungen aufgrund der regulatorischen Anforderungen sind schon enorm, weil wir mit Massendaten zu tun haben. Und das ist leider das, was die Regulatorik immer vergisst. Die Kosten-Nutzen-Analysen, die bei neuen Gesetzen kommen, sind eigentlich auch nicht umfassend, weil das sind alles erhebliche IT-Investitionen.
Vanessa Hellwing: Man versucht, mit KI und Digitalisierung Personal zu reduzieren. Wenn jeder eine halbe Stunde Arbeit am Tag spart, kann man das nicht gleich auf Personalabbau skalieren. Dieser Gedanke geht vielleicht auf Power Point, aber nicht in der Realität. Das ist zu statisch gedacht. Wir müssen in Transformation auch reininvestieren, damit wir effizienter werden können und irgendwann einen Nutzen davon haben. Ich denke, dass sich durch neue Technologien neue Aufgaben auftun, die auch gedeckt werden müssen.
Wie groß ist das Thema Daten für Sie? – Vanessa Hellwing: Ohne Daten kann ich nicht effizient arbeiten. Daten sind aber gerade in einer dezentralen Organisation ein Problem. Es sind Datensilos, Daten in Excel-Tabellen und auf lokalen Laufwerken. Und da muss man erstmal ein Verständnis und eine Struktur schaffen und eine Governance implementieren. Was macht man mit den Daten? Wo sind Restriktionen? Wer definiert die Daten? Wer ist verantwortlich? Das etablieren wir gerade konzernweit.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Rolle als CFO, und was raten Sie all jenen, die diese Position anstreben? – Barbara Potisk-Eibensteiner: Mich fasziniert die Breite der Aufgaben, CFO zu sein ist die schönste Rolle im Unternehmen. Was rate ich: man muss sich sehr stark mit neuen Technologien auseinanderzusetzen und Leadership-Skills haben. Ein CFO muss stark führen. Die Zeiten des braven grauen Buchhalters im Kämmerlein sind vorbei. Der CFO muss neugierig sein, auf Menschen zugehen und für Banken, Investoren und andere Stakeholder eine Vertrauensperson sein.
Liane Hirner: Es ist ein sehr abwechslungsreicher Aufgabenbereich, ein Job, bei dem man das ganze Jahr mit vielen unterschiedlichen Themen beschäftigt ist.
Vanessa Hellwing: Als CFO habe ich die Freiheit, überall dabei zu sein. Mitbringen sollte man das Handwerkszeug. Und neugierig sein, was die Zahlen so zu bieten haben.
Es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen Manager die CFO-Position als Sprungbrett für den CEO genutzt haben. Wie sieht es mit Ihren Ambitionen aus? – Barbara Potisk-Eibensteiner: Ich bin sehr gerne CFO!
Liane Hirner: Bei der VIG ist die CFO-Position sehr prominent, und ich übe sie ausgesprochen gerne aus.
Vanessa Hellwing: Ich bin gerne in der zweiten Reihe und setze bei Andritz auch sehr gerne von dort Impulse und Zeichen. —

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Chefredaktion, Börsianer Print, Börsianer Salon, Börsianer Roadshow
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