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Interview

SpaceX und neue Märkte jenseits der Erde

Rainer Zitelmann ist Investorenlegende und Bestsellerautor. Sein jüngstes Buch dreht sich um „Weltraumkapitalismus“. Den Börsengang von SpaceX hält er für den Beginn einer neuen Ära.

Veröffentlicht

08.07.2026

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"Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass der Weltraumsektor nicht nur eine neue Technologie hervorbringt, sondern die Kosten für den Zugang zu einer völlig neuen wirtschaftlichen Sphäre dramatisch senkt", sagt Rainer Zitelmann im Gespräch mit dem Börsianer.

Herr Zitelmann, erleben wir mit SpaceX an der Börse die Entstehung einer völlig neuen Anlageklasse? Schließlich investieren Anleger nicht nur in Raketen, sondern in eine Industrie, die es in ihrer heutigen Form bisher gar nicht gibt.Rainer Zitelmann: Der Börsengang markiert für jeden sichtbar den Beginn der Ära des Weltraumkapitalismus. Als ich vor einigen Jahren begann, über das Thema zu schreiben und dann mein Buch dazu veröffentlichte, hielten viele das für ein Nischenthema. Manche haben gelacht. Jetzt sehen wir den mit Abstand größten Börsengang der Geschichte, und auch die Vorhersage, dass der erste Billionär aus dem Space-Bereich kommt, hat sich als zutreffend erwiesen. Ich habe in den letzten Jahren beobachtet, dass das ein Thema ist, wo jeder glaubt, mitreden zu können, und eine „Meinung“ dazu hat, aber die meisten haben keine Ahnung davon. Neulich hat mir ein ansonsten sehr intelligenter Professor geschrieben, Asteroid-Mining sei unmöglich und ein Blödsinn. Meine Antwort: „Ich wusste gar nicht, dass Sie auch Bücher darüber gelesen haben. Welche waren das?“ Natürlich hatte er kein einziges Buch darüber gelesen.

Sie haben sich intensiv mit den großen Vermögensbildungswellen der Geschichte beschäftigt – Eisenbahn, Automobil, Internet, Künstliche Intelligenz. Woran erkennt ein Investor, ob der Weltraumsektor tatsächlich die nächste große Wachstumsstory wird und nicht nur ein weiterer Technologietrend mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit? – Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass der Weltraumsektor nicht nur eine neue Technologie hervorbringt, sondern die Kosten für den Zugang zu einer völlig neuen wirtschaftlichen Sphäre dramatisch senkt. Ähnlich wie die Eisenbahn neue Kontinente erschloss oder das Internet neue, digitale Märkte schuf, eröffnet die Raumfahrt neue Möglichkeiten für Kommunikation, Produktion, Rohstoffgewinnung, Energie und langfristig sogar Besiedlung. Der wichtigste Indikator ist dabei der massive Rückgang der Startkosten. Durch Unternehmen wie SpaceX sind die Kosten pro Kilogramm Nutzlast in den Orbit um 95 Prozent gefallen. Historisch entstehen die größten Vermögensbildungswellen immer dann, wenn eine Schlüsseltechnologie die Kosten radikal senkt und dadurch völlig neue Geschäftsmodelle ermöglicht.

Ohne Privateigentum funktioniert keine ökonomische Ordnung auf der Erde, warum sollte das im Weltraum funktionieren? Ich glaube nicht, dass eine „kapitalistische Verfassung“ am Anfang steht, sondern bestenfalls am Ende.
Rainer Zitelmann
Bestsellerautor

Die meisten Anleger kennen SpaceX als Raketen­firma. Tatsächlich verdient das Unternehmen schon heute einen Großteil seines Geldes mit Kommunikationsinfrastruktur über Starlink. Wird SpaceX aus Ihrer Sicht künftig eher wie ein Industrieunternehmen bewertet werden, wie ein Technologiekonzern, oder wie eine globale Infrastrukturgesellschaft? – Wie das Unternehmen heute sein Geld verdient, ist aus langfristiger Sicht nicht besonders relevant. Klar, der IPO-Prospekt muss darauf abheben. Aber die wichtigen Zukunftsthemen werden auf den fast 400 Seiten in nur wenigen Sätzen benannt, also etwa Space-Mining und Space-Tourism. Emissionsprospekte werden nun mal von Juristen geschrieben und nicht von Visionären. Sie dienen ja auch eher dazu, durch die Beschreibung der Risiken die Haftung zu reduzieren.

Was muss passieren, damit im Weltraum echte wirtschaftliche Werte entstehen? Reicht technischer Fortschritt aus, oder braucht es zuvor Eigentumsrechte, Märkte und eine Art Verfassung für das All? – Das Privateigentum ist der entscheidende Punkt. Ohne Privateigentum funktioniert keine ökonomische Ordnung auf der Erde, warum sollte das im Weltraum funktionieren? Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet es im Artikel II Staaten, Eigentum an Himmelskörpern oder Grund und Boden auf Himmelskörpern zu beanspruchen. Ob das auch für Privatpersonen und Unternehmen gilt, ist unter Weltraumjuristen umstritten. Ich glaube nicht, dass eine „kapitalistische Verfassung“ am Anfang steht, sondern bestenfalls am Ende. Ich sehe eher eine Analogie zur Geschichte der Eroberung Amerikas: Pioniere nahmen sich das Land und entwickelten es. Erst später wurde das durch den Homestead Act und andere Gesetze legalisiert. Übrigens entsteht auf diese Art oft neues Eigentum. In China und Vietnam verließen die Bauern am Ende der sozialistischen Ära die Kollektive und nahmen sich das Land – erst später wurde das in China durch Deng Xiaopings Reformen und in Vietnam durch die Doi-Moi-Reformen legalisiert.

SpaceX wird oft mit Eisenbahngesellschaften des 19. Jahrhunderts verglichen. Damals wurden einige Investoren reich, andere verloren Vermögen. Wo sehen Sie die größten Risiken für Anleger, die heute vom Weltraumkapitalismus träumen? – Natürlich werden die meisten Unternehmen nicht erfolgreich sein und viele werden pleitegehen. Das ist ja das Wunderbare am Kapitalismus und das Schlechte an der Staatswirtschaft: Es gibt weltweit heute tausende Space-Unternehmen, aber nur die wenigsten werden überleben. Für ein Unternehmen wie SpaceX oder Rocket Lab stehen zehn andere, die scheitern. Das ist die natürliche Auslese, die als Gesetz in der Natur herrscht und eben auch in der Marktwirtschaft. Staatsunternehmen dagegen können nicht scheitern, sie werden künstlich am Leben gehalten, weil ja genug Steuergeld da ist. Auch dann, wenn sie total unwirtschaftlich arbeiten.

Auch über Asteroid-Mining und Space-Tourismus steht kaum etwas im Prospekt. Heute verdient SpaceX mit dem Satelliten- und dem Launchgeschäft Geld. Das allein würde aber diese Bewertung niemals rechtfertigen. Für die Beurteilung der Zukunftschancen von SpaceX sind sämtliche Zahlen im Prospekt völlig irrelevant.
Rainer Zitelmann
Bestsellerautor

Kritiker sagen, die Bewertung von SpaceX spiegle bereits Erträge wider, die möglicherweise erst in Jahrzehnten entstünden – wenn überhaupt. Wie trennt ein rationaler Investor die Vision eines Elon Musk von der Gefahr, für eine Vision zu viel zu bezahlen? – Ich bin ja der Meinung, dass die wichtigsten Chancen gar nicht im Emissionsprospekt aufgeführt sind, also etwa die Chancen von Space-REITS, also börsennotierten Immobilienaktiengesellschaften. Ob es die geben wird, kann niemand mit Sicherheit sagen. Auch über Asteroid-Mining und Space-Tourismus steht kaum etwas im Prospekt. Heute verdient SpaceX mit dem Satelliten- und dem Launchgeschäft Geld. Das allein würde aber diese Bewertung niemals rechtfertigen. Für die Beurteilung der Zukunftschancen von SpaceX sind sämtliche Zahlen im Prospekt völlig irrelevant.

Nehmen wir an, SpaceX wird eines Tages erfolgreicher, als es heute selbst Optimisten erwarten. Welche Branchen auf der Erde würden Ihrer Meinung nach am stärksten von dieser Entwicklung profitieren – und wo sollten Anleger schon heute nach den „Schaufelherstellern“ des Weltraumzeitalters suchen? – Ja, historisch waren die größten Gewinner technologischer Revolutionen oft die Unternehmen, die die Infrastruktur bereitstellten. Zu den möglichen „Schaufelherstellern“ des Weltraumzeitalters gehören daher Hersteller von Satellitenkomponenten, Sensoren, Halbleitern, Robotik, Spezialwerkstoffen und Energieversorgungssystemen. Auch Unternehmen aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und Telekommunikation könnten profitieren. Ganz langfristig wären sogar Bergbauunternehmen, Immobilienentwickler und Finanzdienstleister gefragt, wenn es eines Tages dauerhafte Siedlungen im All geben sollte.

Was muss sichtbar werden, damit Sie sagen, dass der Weltraumkapitalismus wirklich begonnen hat? Millionen Aktionäre von SpaceX? Bergbau auf Asteroiden? Private Städte auf dem Mars? Oder gibt es für Sie einen ganz anderen Indikator, der zeigt, dass aus einer faszinierenden Vision eine funktionierende Wirtschaft geworden ist? – Die nächste entscheidende Stufe sind Rechenzentren im Weltraum. Daran arbeiten SpaceX, Planet Lab, Nvidia, Google und andere Unternehmen. Musk, der derzeit 10.000 von 15.000 aktiven Satelliten im Weltraum besitzt, hat Anfang des Jahres eine Million weitere Satelliten im All beantragt, um seine Vision von Rechenzentren umzusetzen. Der übernächste Schritt ist die Entstehung der ersten Stadt auf dem Mond. Später werden Themen wie Asteroid-Mining, Space-Tourismus und die Besiedlung des Mars kommen. Aber viele dieser Themen hängen entscheidend von der Eigentumsfrage ab. Sozialismus hat nirgendwo auf der Erde funktioniert, ist überall gescheitert. Die Annahme, dass er im Weltraum auf einmal funktionieren wird, also eine Wirtschaft ohne die Möglichkeit, Grund und Boden oder Eigentumsrechte im Weltraum zu verkaufen, ist abwegig. —

Rainer Zitelmann
Der 69-jährige Frank­furter ist Historiker, Soziologe und ­Unternehmer. Er publiziert im ­Bereich wirtschaftliche und ­gesellschaftliche Themen, insbesondere Kapitalis­mus, Vermögensaufbau und neue Märkte. Zuvor war er in leitenden Funktionen bei Axel Springer tätig und arbeitet heute als Investor und Autor.
Oliver Stock

Autor

Oliver Stock

Korrespondent Deutschland

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