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Interview

Annika von Mutius: "Menschen sind tatsächlich intelligent"

Sie gilt als eines der wichtigsten KI-Gesichter im deutschsprachigen Raum: Annika von Mutius, Co-Founderin des Headhunting-Start-ups Empion und Vorstandsmitglied im deutschen KI-Verband. Die promovierte Mathematikerin will vor allem zwei Dinge vermitteln: dass KI unsere Arbeitswelt grundlegend verändert und dass jeder profitieren kann, der sich darauf einlässt.

Veröffentlicht

19.05.2026

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"Der EU-AI-Act überreguliert total und ist ein großes Innovationshemmnis", ist Annika von Mutius überzeugt.

Sie sitzt mir gegenüber in diesem typischen Berliner Szenerestaurant, das billig aussieht, es aber nicht ist: Annika von Mutius ist vor vier Jahren aus dem Silicon Valley zurückgekehrt, weil sie glaubt, dass in Europa noch viel mehr geht. Während unseres fleischlosen Mittagessens legt sie energisch das dauervibrierende Smartphone zur Seite. Es sind Kollegen aus der Firma, oder das eine oder andere Politikerbüro sucht Kontakt. Mutius ist eine der gefragtesten KI-Beraterinnen Deutschlands.

Servus Annika, was glaubst du, welches Thema bei uns stärker zieht, wenn wir eine Überschrift machen: KI oder Rente? – Annika von Mutius: Ich ahne es.

Na? – Wie üblich, die Rente?

Stimmt, was sagt dir das? – Es erstaunt mich, wie das Thema der Rente eine solche gesellschaftliche Präsenz ausstrahlen kann. Selbstverständlich verstehe ich, dass die Rente ein relevantes Thema ist und die Pensionskassen dringend Flexibilität erfordern, aber doch erschüttert mich die Beliebtheit dieser Frage in unserer Gesellschaft. Und ehrlich gesagt frage ich mich, was es mit unser aller Mindset macht, wenn wir bereits im Jugendalter stets über die Rente nachdenken?

Wir bereiten uns also direkt auf das Aus­ruhen vor, denke ich. – Na wunderbar. Was wäre, wenn wir stattdessen über Innovation oder Wachstum nachdächten? Also über die Chancen eines langen Arbeitslebens, einfacher gesagt: Wie entsteht wieder Freude an der Arbeit, statt den Ruhestand herbeizusehnen? Themen wie Innovation und KI sind wie vor vier Jahren das Thema Nachhaltigkeit: total wichtig, aber jeder gähnt, wenn er es hört. Irgendwie turnt das ab. Wir brauchen es konkreter.

KI ist die transformierendste Kraft unseres Jahrhunderts und damit auch unsere größte Chance zur Transformation unserer etablierten Wirtschaft.
Annika Von Mutius
Co-Founderin Empion

Was muss passieren, damit wir innovativer werden? – Ich denke, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Innovation und Wohlstand verständlich sein muss. Wir Menschen denken zuweilen opportun und lassen uns durch persönliches Wohlergehen motivieren, das ist gewissermaßen verständlich. Daher sind die Rente oder auch das Thema der Migration vielleicht so attraktiv, aus Angst vor Wohlstandsverlust. Ich bin gewiss, wenn es uns gelingt, den individuellen Mehrwert durch Innovation greifbar zu machen, steigt auch das Interesse daran.

Schaffen wir das? – Ich glaube fest an unsere Chancen in Europa. Vor vier Jahren kam ich aus dem Silicon Valley zurück nach Deutschland, um hier ein KI-Unternehmen zu gründen. Da wäre ich ja eine merkwürdige Person, wenn ich nicht daran glaubte.

Dann erzähl uns doch mal die Geschichte, wie Innovation und KI dein Leben verschönern. – Mein Leben?

Dein Leben, unser Leben, das Leben vom Bäckermeister nebenan. – Es gibt ja nicht die eine KI, sondern vielerlei verschiedene Arten. Solche, die wir offensichtlich in der Interaktion wahrnehmen können, wie generative Systeme, aber auch andere, die im Hintergrund wirken, wie prädiktive Systeme oder auch der neue Hype um Agentic AI.

"Wir dürfen niemals vergessen, dass solche Systeme keinesfalls immer objektiv agieren, sondern Perspektiven reflektieren und Wahrscheinlichkeiten prognostizieren", warnt Annika von Mutius.

Was heißt das für mich? – Agentic AI sind kleine KI-Systeme, die als Agenten im Hintergrund Aufgaben lösen. Ein Beispiel ist die Reiseplanung. Du würdest eine Reise vorgeben, und das System bucht Züge, Flüge, Hotels, koordiniert Termine. So würden Alltagsentscheidungen wegfallen, die dir vielleicht ohnehin nur eine Last sind. Dabei geht es jedoch um Entscheidungen mit geringer Relevanz – so müssen wir zum Beispiel nicht ethisch abwägen, ob wir heute einen Apfel oder eine Birne essen.

Mein Kühlschrank ist ein Seniorenheim für pensionierte Wurstzipfel, da könnte mir die KI helfen? – Im Prinzip, ja. Die Wirtschaft erhofft sich einen Produktivitätsgewinn durch KI-Systeme, nur sind diese Beispiele B2C-Anwendungen. Ich glaube, wir dürfen den Mehrwert der „unsichtbaren“ KI-Systeme im B2B-Bereich nicht vernachlässigen, nur weil er weniger anschaulich ist. Salesforce plant bis Ende dieses Jahres eine Milliarde Agenten auf der Plattform.

Unser Problem ist nicht die Forschung, sondern der fehlende Transfer und die Anwendung.
Annika von Mutius
Co-Founderin von Empion

Agentic AI ist schon Alltag, oder? – Ja. Du sagst zum Beispiel, dass du am Wochenende nach Paris reisen möchtest, beantwortest Fragen zu deinen Präferenzen, und im Hintergrund werden Flug, Hotel und Transfer gebucht. Das läuft dann nicht perfekt, aber im besten Falle kommst du wohl am richtigen Ort an.

Ich bin die Generation, die im Taxi nach Paris fuhr, aber gut … – Ein schöner Song!

Hast du den Eindruck, dass in der Politik darüber nachgedacht wird, was KI für uns bedeutet? Was das gesellschaftlich mit uns macht? Was das für Produktivitätszuwächse bedeuten könnte? Oder macht das keiner, weil das Thema die Menschen nicht verstehen? – So langsam scheint das Thema auch die Politik zu erreichen – wegen des Drucks aus den USA und Frankreich. Doch es fehlt die klare Struktur. Die einen sprechen über KI-Modelle, andere über Daten, wieder andere über Infra­struktur – wir müssten all diese Elemente holistisch denken, in Innovationsclustern.

Ist KI nicht einfach nur das nächste Werkzeug? Erst war es die Digitalisierung, jetzt ist es die KI? – Nein. KI ist die transformierendste Kraft unseres Jahrhunderts und damit auch unsere größte Chance zur Transformation unserer etablierten Wirtschaft.

Das haben wir vor 20 Jahren über die Digitalisierung auch gesagt. – Stimmt, und Digitalisierung war eine enorme Chance, auch wenn sie für so einige noch immer eine Herausforderung ist. Aber KI-Systeme gehen weit darüber hinaus. Sie verändern Branchen, Funktionen in Organisationen, revolutionieren Wissensarbeit auf eine nie dagewesene Art. KI-Systeme sind kein Selbstzweck und disruptieren weniger, als dass sie transformieren.

Gehen wir richtig an das Thema heran? Ich frage, weil die EU zuerst die KI reguliert hat, bevor wir überhaupt die Industrie dazu entwickelt haben. – Auf gewisse Art eines meiner Herzensthemen … Regulierung.

Vita Annika von Mutius
Nach mehreren Jahren im Silicon Valley kehrte die promovierte Mathematikerin nach Europa zurück, um hier die Entwicklung und Anwendung der Künstlichen Intel­ligenz maßgeblich mitzugestalten. Sie ist eine der gefragtesten KI-Expertinnen im deutschsprachigen Raum und Mitglied im Vorstand des deutschen KI-Verbands.

Ich wusste gar nicht, dass du so ein Regulierungsfan bist. – Ganz im Gegenteil. Der EU-AI-Act überreguliert total und ist ein großes Innovationshemmnis.

Weil es zu aufwendig ist? – Ich würde das differenzierter betrachten. Viele Dokumentationspflichten in der Regulierung sind eher unproblematisch und gerade für Entwickler ohnehin Teil seriöser Engineering-Arbeit.

Sondern? – Der AI Act hat zwei Schwachstellen: Erstens reguliert er nicht anwendungsbezogen, sondern die Basistechnologie selbst – also so, als würden wir den Computer regulieren, weil wir damit Erpresserbriefe versenden könnten. Zweitens reguliert er nicht nur die Entwickler, sondern auch die Anwender. Das bedeutet: Wenn ein kleines, mittelständisches Unternehmen KI-Systeme einsetzt, muss es sich theoretisch mit dem AI Act arrangieren. Das bedeutet, die Regulierung bremst nicht nur Entwickler, sondern auch Anwender. Und das hat einen direkten Einfluss auf Innovationsfreude und Wachstum junger Tech-Unternehmen.

Also weg damit? – Komplett abschaffen ist unrealistisch. Aber Deregulierung auf EU-Ebene in Kombination mit klaren Umsetzungsrichtlinien auf nationaler Ebene: unbedingt und schnellstmöglich.

Wo stehen wir in Europa? Wir wollen in Deutschland ein Heidengeld für Infrastruktur und Verteidigung ausgeben. Und KI ist da auch ein Thema. – Mehr Geld allein kann nicht die Lösung sein. Oftmals führen zu große finanzielle Ressourcen sogar zu schlechteren Ergebnissen. Unser Weg zu technologischer Souveränität sollte sich auf die Stärke Europas fokussieren: Geld ist nicht unsere Stärke, aber die enge Verzahnung innovativer Technologien mit der etablierten Wirtschaft für einen fairen Wettbewerb leistungsstarker KI-Systeme. Und dazu brauchen wir keinesfalls Billionensummen.

Abnehmender Grenznutzen, sagt der Physiker. Du bist ja Mathematikerin. – Ja, zum einen der und die Frage nach ökonomischer Sinnhaftigkeit der Investments in große Sprachmodelle – denn wir sprechen hier bald über Billionen einzelne Modelle. Aber auch die erstaunlich kurzen Halbwertszeiten der großen Modelle, die in relativ kurzen Zyklen durch andere übertroffen werden.

Wir müssen also nicht die Ersten sein, aber vielleicht sollten wir in Deutschland mit unserem Maschinenbauwissen die Ersten sein, die KI da einbauen und in der Anwendung die Nase vorn haben. – Exakt. Unser Pro­blem ist nicht die Forschung, sondern der fehlende Transfer und die Anwendung. Doch wenn die etablierte Wirtschaft KI-Systeme nachhaltig integriert, kann eine Transformation erster Klasse entstehen. Dank des einmaligen Schatzes europäischer proprietärer Daten.

Gibt es ethische Grenzen für den Einsatz? – Wir dürfen niemals vergessen, dass solche Systeme keinesfalls immer objektiv agieren, sondern Perspektiven reflektieren und Wahrscheinlichkeiten prognostizieren. Doch selbst wenn nicht alles abbildbar ist, können objektivere Entscheidungen getroffen werden, als es der Mensch jemals könnte.

Die KI erzeugt am Ende immer Mittelmaß? – Das stimmt schon. Ich finde es spannend, den Output generativer Systeme mit tatsächlich starken Philosophen wie Sartre zu vergleichen: Der Unterschied zwischen Exzellenz und Mittelmäßigkeit wird offensichtlich. Und ja, sie sind auch kein Kreativitätsmotor. Würde man die Systeme sich selbst überlassen, plagiierten sie sich und es entstünde Sinnlosigkeit. Die menschliche Intelligenz ist also nicht nur dienlich, sondern immer erforderlich.

Eigentlich ein schönes Schlusswort, eine Frage noch: Fürchtest du dich manchmal vor dem, was die KI kann? – Nein. Künstliche Intelligenz ist keine tatsächliche Intelligenz, sondern, wie der Name schon sagt, „künstlich“. Wir Menschen sind tatsächlich intelligent und kodieren dies per Sprache. Künstliche Intelligenz – also generative KI – imitiert diese Kodierung. Wieso sollten wir uns davor fürchten? Es ist die Chance schlechthin, Zugang zum gesamten gespeicherten Erfahrungswissen der Menschheit zu erlangen. Das ist doch bereichernd! —

Oliver Stock

Autor

Oliver Stock

Korrespondent Deutschland

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