Biogena-Boss: Es geht nicht darum, uralt zu werden
Veröffentlicht
Lesezeit
&w=1920&q=75)
Sie tragen seit mehr als zehn Jahren einen Totenkopfring. Warum erinnern Sie sich jeden Tag an die eigene Vergänglichkeit? – Albert Schmidbauer: Wenn man sich seiner Vergänglichkeit bewusst ist, trifft man meiner Meinung nach bessere und bewusstere Entscheidungen. Andererseits bedeutet der Totenkopf für mich: Nutze den Tag. Ich schaue wahrscheinlich 30-mal am Tag darauf. Er erinnert mich daran, Dinge nicht aufzuschieben und an meiner Mission zu arbeiten.
Und diese Mission ist Gesundheit – Ja. Ich glaube daran, dass man im Laufe seines Lebens seinem Bestimmungszweck immer näherkommen kann. Meiner ist es offensichtlich, Gesundheit und Wohlbefinden zu verbessern. Da geht es vor allem darum, Krankheiten früher zu erkennen oder überhaupt zu verhindern.
Genau das ist heute unter dem Schlagwort Longevity ein riesiger Trend. Was bedeutet Longevity für Sie? – Es geht darum, wie man alt wird, und nicht unbedingt darum, uralt zu werden. Wenn man mit 65 noch 18 oder 20 Jahre vor sich hat, ist es entscheidend, in welchem Zustand man diese Jahre verbringt. Viele Menschen verbringen einen beträchtlichen Teil ihrer letzten Lebensjahre mit chronischen Erkrankungen und eingeschränkter Lebensqualität. Genau dort liegt das eigentliche Potenzial von Longevity: die gesunde Lebensspanne zu verlängern.
Der Markt dafür wächst rasant. Das Beratungsunternehmen Julius Baer spricht von einem weltweiten Volumen von 610 Milliarden US-Dollar. Andere Berechnungen gehen von einem Potenzial von einer Billion US-Dollar aus. Wie groß muss man Longevity denken? – Ich bin da eher bei der Billion. Man darf darunter nicht nur technische Biohacking-Anwendungen oder Blutanalysen verstehen. Alles, was dazu beiträgt, länger gesund zu bleiben, gehört dazu: Schlaf, Ernährung, Bewegung, psychisches Wohlbefinden, soziale Beziehungen oder eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen. Deshalb glaube ich auch, dass dieser Markt sehr viel größer ist als jene Schätzungen, die nur klassische Longevity-Produkte erfassen.
Wie sieht Gesundheitsvorsorge in Zukunft aus? – Ich bin überzeugt, dass beispielsweise DNA-Checks irgendwann völlig selbstverständlich sein werden. Vielleicht bekommt man bereits bei der Geburt eine Art Grundorientierung: Worauf muss ich aufgrund meiner genetischen Voraussetzungen achten? Was kann mein Körper gut oder weniger gut verstoffwechseln? Wie sollte ich mich ernähren? Wenn man genetische Informationen, Blutwerte und Wearable-Daten miteinander verbindet, erhält man ein wesentlich individuelleres Bild eines Menschen.
Wie soll ein normaler Mensch aus der enormen Datenmenge noch sinnvolle Schlüsse ziehen? – Genau hier wird Künstliche Intelligenz extrem wichtig. KI kann große Datenmengen zusammenführen und gleichzeitig tausende wissenschaftliche Studien berücksichtigen. Am Ende brauche ich als Nutzer keine 80 Seiten Befund, sondern die Quintessenz: also meine fünf oder zehn wichtigsten Themen. Allerdings muss man die Systeme sehr sauber aufsetzen. Wir definieren genau, mit welchen wissenschaftlichen Quellen, Studien und eigenen Dokumenten ein System arbeiten darf. Sonst besteht die Gefahr, dass die KI halluziniert oder Informationen einbezieht, die wissenschaftlich nicht belastbar sind.
Damit sind wir allerdings schnell beim Datenschutz. Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten überhaupt. – Das ist absolut berechtigt. Gesundheitsdaten gab es allerdings auch bisher schon – bei Untersuchungen, in Krankenhäusern oder bei Vorsorgeuntersuchungen. Entscheidend ist, wie professionell damit umgegangen wird. Hier wird es eine klare Regulierung brauchen. Es darf nicht passieren, dass Informationen über Krankheiten plötzlich bei Versicherungen oder potenziellen Arbeitgebern landen. Gleichzeitig sollten wir uns in Europa nicht so lange ausschließlich mit Risiken beschäftigen, dass wir technologisch nicht mehr vorankommen.
Longevity klingt vor allem nach einem Geschäft für Wohlhabende: DNA-Tests, Wearables, Biohacking, Diagnostik. Wird gesundes Altern zum Luxusprodukt? – Viele der wichtigsten Longevity-Maßnahmen kosten überhaupt nichts. Ausreichender Schlaf oder Bewegung kosten nichts. Nicht zu rauchen spart sogar Geld. Bewegung, vernünftige Ernährung und gute soziale Beziehungen sind ebenfalls keine Luxusprodukte. Deshalb geht es für mich sehr stark um Bildung. Ernährungs- und Gesundheitswissen müsste viel stärker bereits in Schulen vermittelt werden. Wenn wir dieses Wissen breit in die Gesellschaft bringen, ist Longevity eben nicht nur etwas für Superreiche.
Biogena lebt stark vom Vertrauen der Kunden, zugleich läuft ein großer Teil des Geschäfts digital. Wie schafft man online Vertrauen im Gesundheitsbereich? – Die Vertrauensbasis entsteht bei uns interessanterweise oft offline. Deshalb investieren wir bewusst in physische Standorte und unsere eigene Produktion in Salzburg. Es geht darum zu zeigen: Dieses Unternehmen existiert tatsächlich, es produziert selbst und ist auch morgen noch da. Für mich ist das weniger klassisches Marketing als Trustbuilding.
Vertrauen brauchen Sie nun auch von Anlegern. Warum haben Sie für Biogena den Weg an die Börse gewählt? – Eine Börsennotierung schafft Transparenz, ermöglicht eine breitere Eigentümerstruktur und kann langfristig eine sehr gute Struktur zur Unternehmensabsicherung sein. Mir ist es wichtig, die DNA eines Familienunternehmens und unsere Werte zu erhalten und gleichzeitig die Möglichkeiten des Kapitalmarkts zu nutzen.
&w=3840&q=75)
Dabei wäre ein Verkauf vermutlich der finanziell bequemere Weg. – Wenn Geld meine Motivation wäre, hätte ich schon längst verkaufen können. Unsere Branche ist stark von Übernahmen geprägt, und natürlich bekommen auch wir entsprechende Angebote. Aber mein Ziel ist es, die Unabhängigkeit von Biogena als Familienunternehmen zu bewahren.
Also Kapitalmarkt statt Private Equity? – Wir haben über die Jahre unterschiedliche Finanzierungsformen genutzt. Ich möchte die Mehrheit behalten und gleichzeitig den Streubesitz weiter erhöhen. Menschen, die an Biogena glauben, sollen auch Miteigentümer werden können. Der Kapitalmarkt kann künftig regelmäßig eine Finanzierungsquelle für unser Wachstum sein.
Schauen wir nach vorn: Wie werden neue Technologien die Prävention verändern? – Wir beschäftigen uns auch im Start-up- und Beteiligungsbereich mit neuen Lösungen. Ein Beispiel ist ein System, das wie ein gesundheitlicher Self-Check-in funktioniert: Man setzt sich hinein, das Gerät erhebt verschiedene Gesundheitsdaten, überträgt sie auf das Smartphone, und daraus werden konkrete Empfehlungen abgeleitet. Warum sollte so ein Gesundheits-Check nicht irgendwann in jeder Apotheke oder jedem Primärversorgungszentrum stehen?

Autor
Chefredaktion
Mehr in der KategorieMagazin
Expertin: "KI versteht nicht, was richtig und falsch ist"
&w=3840&q=75)
Finfluencer: Zwischen Rendite und Reichweite
&w=3840&q=75)
Schwellenländer: breite Marktteilnahme, gezieltere Aktienauswahl
&w=3840&q=75)
Christoph Wiederkehr: Aufbruch im Klassenzimmer
&w=3840&q=75)
Lifestyle-Freizeit: Arbeiten wir zu wenig?
&w=3840&q=75)