Geothermie: Lokale Energie Ende nie
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Öl allein genügt nicht für den weltweiten Energiehunger und macht politisch abhängig. Solar- und Windenergie sind gebunden am Wetter, an der Tages- und der Jahreszeit. Ein wichtiger Teil der Lösung sei Geothermie, ist Eva Pusch von 360 Jet Fuel überzeugt: „Geothermie ist regional verfügbar, benötigt vergleichsweise wenig Raum an der Oberfläche und kann insbesondere bei der Wärmeversorgung dazu beitragen, die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten zu reduzieren.“
Erdwärme habe deshalb so viel Potenzial, weil sie keine eindimensionale Energiequelle ist. Je nach Temperaturniveau reicht das Anwendungsspektrum von Heizen und Kühlen über industrielle Prozesswärme bis zur Stromerzeugung. Darüber hinaus entstehen interessante Schnittstellen zu Energiespeicherung, Wasserstoff oder sogar zur Gewinnung kritischer Mineralien“, erklärt die Energieexpertin Eva Pusch. Zudem hätten die Anlagen auch eine lange Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Nach ihrer Amortisation seien die Betriebskosten niedrig, ergänzt Michael Sponring, Leiter des Bereichs Energie, Versorger & Ressourcen bei PWC Österreich. Der Grund für den momentan noch geringen Einsatz von Geothermie sei das wirtschaftliche Anfangsrisiko, sagt Eva Pusch: „Exploration und Tiefbohrungen sind kapitalintensiv. Erst mit ausreichenden geologischen Daten und Bohrungen lässt sich zuverlässig beurteilen, ob Temperatur, Wassermenge und Durchlässigkeit für ein wirtschaftliches Projekt ausreichen.“
Ausgerechnet Saudi-Arabien
Ausgerechnet saudische Ölscheichs sähen Geothermie als Bereicherung, berichtet Eva Pusch: „Besonders der Westen Saudi-Arabiens entlang des Roten Meeres weist aufgrund des erhöhten Wärmeflusses interessante geothermische Bedingungen auf. Aramco untersucht dort geothermische Potenziale für Anwendungen von Stromerzeugung bis zu Kühlung und Meerwasserentsalzung.“ Noch sei man in der Explorationsphase.
Ein wesentlicher Vorteil für die Saudis: Ihr Ölmulti Saudi Aramco verfügt aus Jahrzehnten der Öl- und Gasexploration über enorme geologische und geophysikalische Datenbestände sowie Kompetenzen in Seismik, Reservoir-Modellierung und Tiefbohrtechnik.
Geothermie in Österreich
Auch in Österreich setzt man verstärkt auf Geothermie. Laut einer Studie von PWC und dem Geologen Christian Rambousek gibt es hierzulande mehr als 90.000 regionale Anlagen, die oberflächennahe Geothermie einsetzen. In Oberösterreich sind bereits sieben geothermische Fernwärmenetze in Betrieb, während man in der Steiermark die meisten Heizkraftwerke findet, die Geothermie einsetzen. In Blumau beheizt Frutura rund 15 Hektar Gewächshäuser rein mit Tiefengeothermie. Die Stadtwerke Klagenfurt führen gerade zur Tiefengeothermie eine Machbarkeitsstudie durch.
Fernwärmeprojekte treibt die OMV AG in Graz mit der Energie Steiermark und in Wien-Aspern mit der Wien Energie voran. „Mit dem Projekt Deep erschließen OMV und Wien Energie ein Thermalwasservorkommen in rund drei Kilometer Tiefe. Die jüngsten Fördertests in Aspern haben die Erwartungen übertroffen: Gemessen wurden 104 Grad Celsius“, präzisiert Energieexpertin Eva Pusch, „die erste Anlage soll rund 25 Megawatt thermische Leistung erreichen und damit künftig etwa 25.000 Wiener Haushalte versorgen.“
Die Tiefe Geothermie will man aber nicht nur fürs Heizen und Kühlen nutzten. „In Mitteleuropa ist die Gewinnung kritischer Rohstoffe, allen voran Lithium, aus geothermischer Sole etwa im Oberrheingraben ein Thema“, berichtet Michael Sponring, „das erhöht die Wirtschaftlichkeit von Geothermie erheblich.“ Bei Temperaturen von mehr als 120 °C, wie sie in Teilen der Molassezone erreichbar sind, ließe sich neben der Fernwärme auch Strom auskoppeln. Ein solches Projekt betreibt bereits Silenos Energy in Bayern und wäre auch in Österreich technisch machbar, so Sponring.
Um Geothermie in Österreich voranzutreiben, hat das Finanzministerium den Koalitionspartnern im August 2026 eine Novelle des Mineralrohstoffgesetzes vorgelegt: Künftig sollen Grundeigentümer ab 300 Meter Tiefe die Aufsuchung und Gewinnung von Geothermie dulden müssen. Und es soll ein abgespecktes bergrechtliches Verfahren geben. „Wobei es das wasserrechtliche Verfahren daneben weiterhin geben wird“, bemerkt Michael Sponring. Auch verhandle die Regierung gerade über eine budgetneutrale Abgabe für geothermische Energie, die das hohe Fündigkeitsrisiko absichern soll. „Denn das geschätzte Potenzial der Tiefen Geothermie wird mit rund 1.000 MW thermischer Leistung unter österreichischem Boden beziffert – theoretisch genug für rund 500.000 Wohneinheiten“, erklärt Michael Sponring das große Interesse.
Wie gefährlich ist Erdwärme?
Dass geothermische Bohrungen große Erschütterungen auslösen können, will Michael Sponring gar nicht bestreiten: „Es gibt dokumentierte Fälle spürbarer induzierter Seismizität, etwa in Basel und St. Gallen. Entscheidend ist aber, welche Art von Geothermie gemeint ist: Diese Fälle betrafen überwiegend Systeme mit massiver hydraulischer Stimulation kristalliner Gesteine. Die aktuellen österreichischen Projekte im Wiener Becken, Grazer Becken und Niederösterreich zielen dagegen auf natürlich poröse, wasserführende Formationen wie das Aderklaaer Konglomerat oder Malm-Kalke ab, die ohne aufwendige Stimulation ausreichend Durchlässigkeit bieten. Das Risiko ist damit von vornherein viel geringer.“ Auch habe sich die Technologie deutlich weiterentwickelt, fügt Eva Pusch hinzu: „Moderne 3D-Seismik und Reservoir-Modelle ermöglichen ein wesentlich besseres Verständnis des Untergrunds, es gibt Innovationen in der Bohrtechnologie und im Monitoring.“

Autor
Finanzjournalistin
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