Magazin

Finfluencer: Zwischen Rendite und Reichweite

Sie erklären ETFs in 60 Sekunden, versprechen finanzielle Freiheit und erreichen Millionen. Finfluencer haben die Geldanlage ins Smartphone-Zeitalter geholt. Doch wo Reichweite auf Provisionen trifft, verschwimmt die Grenze zwischen Finanzbildung, Werbung und Betrug. Wie seriöse Anbieter arbeiten und wie die Aufsicht sie unterstützen will.

Veröffentlicht

09.10.2026

Lesezeit

4 min
Teilen auf
© Screenshot
Der Finfluencer Finanzfluss klärt über "toxische Boomerfinanztipps" auf.

Sie sind meist jung, nennen sich Digital Natives und sprechen eine Sprache, die Banker nie gelernt haben. Mit Reels, Tiktok- und Youtube-Videos sowie Pod­casts erreichen Finfluencer eine Generation, für die Aktien und ETFs längst keine Fremdwörter mehr sind. Eine 2024 veröffentlichte Studie identifizierte im DACH-Raum 278 Finfluencer mit insgesamt knapp 28 Millionen Followern. Doch Finfluencer ist nicht gleich Finfluencer: Die einen erklären Finanzthemen verständlich, andere verbreiten fragwürdige Anlagetipps. Und auf denselben Plattformen locken professionelle Betrüger mit Fake-Profilen, Deepfakes und illegalen Trading-Angeboten.

Wer sind die Finfluencer?

Vor allem während der Corona-Pandemie sei die Szene stark gewachsen, erklärt Monika Kovarova-Simecek, Professorin an der FH St. Pölten. Gemeinsam mit Forschenden aus Leipzig veröffentlichte sie 2024 die Studie „Finfluencer Relations“.

Der Markt ist männlich geprägt: 73 Prozent der erfassten Finfluencer sind Männer, 16 Prozent Frauen. 68 Prozent treten als Privatpersonen oder Einzelunternehmen auf. Die Reichweite konzentriert sich zugleich auf wenige große Accounts: 38 Macro-Finfluencer mit jeweils mehr als 100.000 Followern vereinen 21,6 Millionen respektive 78 Prozent aller erfassten Follower auf sich. Inhaltlich reicht das Angebot von Finanzbildung und Altersvorsorge bis zu Einzelaktien, Immobilien und Kryptowährungen.

Fragwürdige Geschäftsmodelle

Spannend und mitunter heikel wird es bei den Geschäftsmodellen. Von den 38 größten Finfluencern nutzen 95 Prozent Affiliate-Marketing: Sie verdienen mit, wenn Nutzer über ihre Links ein Konto eröffnen oder ein Finanzprodukt abschließen. 42 Prozent bieten zusätzlich Seminare, Lernportale oder Lernvideos an. Wie hoch die Einnahmen daraus sind, erhob die Studie nicht.

An diesem Punkt trennt sich die Spreu vom Weizen, erklären Philipp Genduth und Matthias Reiter im Gespräch mit dem Börsianer. Gemeinsam mit Markus Wilhelm betreiben sie die Plattform „Finanzen verstehen“. Eigenen Angaben zufolge erreichen sie mehr als 500.000 Menschen im Monat. Die drei lernten sich während der Pandemie kennen und stellten fest, dass deutsche Finanzinhalte wegen unterschiedlicher steuerlicher und rechtlicher Regeln nur bedingt auf Österreich übertragbar sind. Seit dem Februar 2021 wollen sie Österreich finanzfit machen.

Wir geben die Angel, nicht den Fisch.
Philipp Genduth
Finfluencer Finanzen verstehen

„Wir geben die Angel, nicht den Fisch“, beschreibt Genduth das Prinzip. Werbung und Kooperationen würden gekennzeichnet, konkrete Kaufempfehlungen für einzelne Aktien oder Fonds vermieden. Stattdessen wollen sie Menschen befähigen, selbst zu entscheiden. Affiliate-Links zu Neobrokern nutzen sie ebenfalls, unseriöse Anbieter lehnen sie nach eigenen Angaben aber strikt ab. „Wenn ein Anbieter 350 bis 700 Euro pro Lead zahlt statt der üblichen 50 bis 100 Euro, muss man sich fragen: Woher kommt das Geld?“, sagt Reiter.

Seriosität zeigt sich für die beiden vor allem an der Transparenz: Kooperationen offenlegen, Risiken benennen, keine unrealistischen Gewinne versprechen. Im Mittelpunkt müsse langfristiger Vermögensaufbau stehen, nicht der schnelle Reichtum. „Wir zeigen, wie man an Apple, Mondelez oder der Wiener Börse mitverdienen kann. Nicht durch Zocken, sondern durch kontinuierliches, langfristiges Investieren“, sagt Genduth. Hauptberuflich arbeitet er als IT-Ermittler bei der Polizei und beschäftigt sich mit Cybercrime und Anlagebetrug.

Finfluencer vs. Betrüger

Von Finfluencern im engeren Sinn zu unterscheiden sind organisierte Betrüger, die dieselben Kanäle nutzen. Deep­fake-Videos und gefälschte Werbeanzeigen mit Prominenten wie Herbert Kickl oder Elon Musk erwecken den Eindruck, diese würden bestimmte Handelsplattformen oder angeblich sichere Investments empfehlen. Laut Watchlist Internet erreichten solche Inserate 2024 allein auf Facebook und Instagram täglich rund 200.000 Menschen in Österreich. Der polizeilich erfasste Schaden durch Online-Anlagebetrug belief sich im selben Jahr auf rund 110 Millionen Euro.

Finanzbildung ist der beste Schutz vor Betrug. Wer die Basics kennt, etwa Inflation, Diversifikation, Risiko-Rendite-Verhältnis, fällt nicht so leicht auf unrealistische Gewinnversprechen herein.
Patricia Floh-Weninger
stv. Abteilungsleiterin für unerlaubten Geschäftsbetrieb, Market-Monitoring und Verbraucherinformation bei der FMA

Davon zu unterscheiden sind die Meldungen an die Finanzmarktaufsicht, die insbesondere gegen unerlaubt angebotene, konzessionspflichtige Finanzdienstleistungen vorgeht: 2025 wurden der FMA 843 Betrugsfälle mit einer Schadenssumme von insgesamt 19,6 Millionen Euro gemeldet. Der höchste Einzelverlust lag bei rund 830.000 Euro. Den bislang größten Einzelfall registrierte die Behörde 2023, als ein Opfer mehr als 1,6 Millionen Euro verlor. Unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen können Netzsperren gegen illegale Angebote zum Einsatz kommen. Mit der EU-Verordnung MiCA besteht zudem erstmals ein einheitlicher europäischer Rechtsrahmen für Anbieter von Kryptodienstleistungen. Dennoch: Die Täter wechseln ständig ihre Domains, nutzen VPNs und sind schwer zu fassen.

Frühstück als Präventionsstrategie

Die FMA setzt nicht nur auf Kontrolle, sondern auch auf Dialog. Im Juni 2025 lud sie erstmals österreichische Finfluencer zum Frühstück: Von 20 Eingeladenen kamen rund 15. Im Juni 2026 folgte die zweite Runde mit rund 20 Teilnehmern. „Wir wollen voneinander lernen“, sagt Patricia Floh-Weninger, stellvertretende Abteilungsleiterin für unerlaubten Geschäftsbetrieb, Market-Monitoring und Verbraucherinformation bei der FMA. „Die Finfluencer haben die Reichweite und die Sprache, um junge Menschen zu erreichen. Wir haben die Expertise zu rechtlichen Grenzen und Konsumentenschutz.“ Wo endet Finanzbildung, wo beginnt persönliche Anlageberatung? Wann braucht es eine Konzession, und welche Regeln gelten für Werbung und Anlageempfehlungen? „Viele Finfluencer wissen gar nicht, wo genau die Grenze verläuft“, sagt Floh-Weninger.

Der Dialog nützt auch der Behörde: Über glaubwürdige Finfluencer erreicht sie Menschen, die klassische Informationsangebote kaum ansprechen. Inhalte ihrer Initiative „Reden wir über Geld“ werden gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum für Finanzbildung der WU Wien didaktisch aufbereitet und unter anderem Schulen zur Verfügung gestellt. Um neue Zielgruppen zu erreichen, setzt die FMA auch selbst auf Social Media. Mit „@redenwiruebergeld“ gibt es ein Format, das bewusst an die Kommunikationsformen erfolgreicher Finfluencer anknüpft.

„Finanzbildung ist der beste Schutz vor Betrug“, ist Floh-Weninger überzeugt. „Wer die Basics kennt, etwa Inflation, Diversifikation, Risiko-Rendite-Verhältnis, fällt nicht so leicht auf unrealistische Gewinnversprechen herein.“ Das Problem: Zu einem solchen Dialogfrühstück kommen vor allem jene, die sich ohnehin mit den Regeln auseinandersetzen wollen. Anonyme Accounts, illegale Plattformen und professionelle Betrüger bleiben draußen. —

Daniel Nutz

Autor 1

Daniel Nutz

Chefredaktion

Ingrid Krawarik

Autor 2

Ingrid Krawarik

Chefredaktion, Börsianer Print, Börsianer Salon, Börsianer Roadshow

Teilen auf
Anzeige