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Interview

Christoph Wiederkehr: Aufbruch im Klassenzimmer

Finanzbildung ist ab 2027/28 Pflichtfach in der AHS-Oberstufe. Bildungs­minister Christoph ­Wiederkehr will dafür sowohl von Lehrern als auch von Eltern Verantwortung einfordern. Seine konkreten Pläne skizziert er im Gespräch mit dem Börsianer.

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05.10.2026

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© Richard Tanzer
"Zuerst ohne die KI, dann über die KI und dann mit der KI lernen", gibt Christoph Wiederkehr den Fahrplan vor.

Sein Lieblingsfach in der Schule war Geschichte, sein Spezialgebiet bei der Matura die Zweite Republik. Finanz- und Wirtschaftsbildung gab es durch „einen Vortrag von Attac, einer globalisierungskritischen Organisation“, sagt Christoph Wiederkehr, „ansonsten war sie katastrophal“. Der Börsianer trifft den Bildungsminister in der unscheinbaren Wasagasse im neunten Bezirk Wiens, dem Sitz des Bildungsministeriums. Er freut sich, dass er mit Jahrgang 1990 nicht mehr der jüngste Minister in der aktuellen Regierung ist. Der 36-Jährige hat viel vor, und er hat schon damit begonnen, das Bildungssystem zu reformieren. Neu und fächerübergreifend sollen ab dem Schuljahr 2027/28 Wirtschafts- und Finanzbildung, Medien und Demokratie sowie Informatik und Künstliche Intelligenz (KI) verstärkt unterrichtet werden. Wie er auf die schlechten Ergebnisse des aktuellen Pisa-Tests reagieren will, warum Eltern verstärkt in die Pflicht genommen werden und die Lehrer ihrer Fortbildungsverpflichtung nachkommen müssen, was er am Bildungsstandort Österreich als Nächstes plant und warum er ein Fan der Wiener Börse ist, erklärt der Bildungsminister im Interview.

Die größten Fragen unserer Gesellschaft ­werden aktuell auf Social Media diskutiert.
Christoph Wiederkehr
Bildungsminister

Herr Wiederkehr, waren Sie ein guter Schüler? – Christoph Wiederkehr: In der Volksschule war ich ein sehr neugieriger Schüler. Später hatte ich dann einige Jahre Schwierigkeiten. Aber ich habe es geschafft, diese Zeit der Frustration mit dem Bildungssystem in etwas Positives umzuleiten, und später als Schulsprecher Verantwortung übernommen.

Sie haben also die Kurve gekratzt. – Zum Glück! Und gut maturiert habe ich dann auch.

Warum lief es eine Zeitlang schlecht? – Es gab Themen, die mich prinzipiell interessiert haben, die aber schlecht vermittelt wurden. Beispielsweise war meine Wirtschaftsbildung katastrophal. Ich habe mich immer für Wirtschaft interessiert, aber meine einzige Bildung dazu war ein Vortrag von Attac, einer globalisierungskritischen Organisation. Das hat mich damals sehr aufgeregt.

Sind Sie deshalb so dahinter, dass das Thema Wirtschaft- und Finanzbildung in den Klassenräumen ankommt? – Ich möchte allen Schülerinnen und Schülern ein selbstbestimmtes und wirtschaftlich unabhängiges Leben ermöglichen. Dafür braucht es in den Schulen eine gute Finanz- und Wirtschaftsbildung. Da setzen wir einen starken Schwerpunkt.

Wie sehen Ihre Pläne dahingehend konkret aus? – Geografie wird in der AHS-Oberstufe um Wirtschafts- und Finanzbildung erweitert, dafür sind im Lehrplan etwa 50 Prozent der Stunden vorgesehen. Da geht es um grundlegende Fragen wie „Was ist ein Vertrag, was eine Versicherung, was ist Inflation?“, es geht um volkswirtschaftliche Zusammenhänge. Ebenso wichtig sind Fragen rund ums Investieren, zu Zinsen und Zinseszins oder dazu, was eine Aktie, ein ETF und eine Anleihe ist und welche Chancen und Risiken es gibt.

Können Sie den Zinseszins berechnen? – Ich habe es in Mathematik, glaube ich, gelernt, damals aber nicht mitbekommen, dass es vor allem für das persönliche Investieren und Sparen besonders relevant ist. Hier kann man wieder sehen, wie wichtig lebensorientiertes Lernen in der Schule ist. Weil so kann man einen mathematischen Zinseszins auch sehr spannend vermitteln.

Wer soll diese neuen Themen vermitteln? Braucht es nicht eigens dafür ausgebildete Fachkräfte, damit das nicht nur theoretisch runtergebetet wird? – Wir haben einerseits die Ausbildung in diesem Bereich angepasst, das heißt, Lehrkräfte bekommen deutlich mehr volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Ausbildung. Für Lehrkräfte, die jetzt schon in der Schule sind, bieten wir spannende und gute Fortbildungen im Bereich Finanz- und Wirtschaftsbildung an, damit sie diese Themenfelder kompetent, aber auch mit Leidenschaft vermitteln können. Die machen wir auch gemeinsam mit privaten Initiativen, zum Beispiel mit der Stiftung für Wirtschaftsbildung oder dem Flip. Das ist eine sehr erfolgreiche Stiftung, die sich für bessere Wirtschaftsbildung einsetzt. Es gibt zum Glück immer mehr Projekte, wo außerschulische Initiativen den schulischen Alltag bereichern.

Wie verhindern Sie, dass hier kein ideologisches Lobbying stattfindet? – Wir haben hier sehr genaue Compliance-Richtlinien, die auch externe Partner einhalten müssten. Das Vermarkten von einzelnen Produkten ist strikt untersagt in der Schule. Gewünscht ist ein sachliches und ausgewogenes Informieren, gerne auch von privaten Partnern beispielsweise über Finanzprodukte. Wichtig ist, dass es im Schulumfeld immer ausgewogen ist, das heißt, Chancen und Risiken gemeinsam beleuchtet werden.

Wer erstellt die Lehrmaterialien dafür? – Unser Grundsatz ist, dass wir weltanschaulich neutral über Themen in der Schule bilden. Wichtig ist die mündige Entscheidung der jungen Erwachsenen, dass sie für sich selbst Entscheidungen treffen können. Unterrichtsmaterialien gibt es über Schulbücher, aber auch über Kooperationen. Wir haben mit der Wirtschaftsuniversität eine Kooperation, wo auch Lehrmaterialien für die Schulen erstellt werden.

Ich finde es faszinierend, dass sich jeder Bürger und jede Bürgerin in ­einer Gesellschaft an Unternehmen betei­ligen kann.
Christoph Wiederkehr
Bildungsminister

Wie steht es eigentlich um Ihre persönlichen Finanzen. Besitzen Sie Aktien? – Ja. Wenn man die Inflation sieht und die Sparzinsen am Sparbuch, dann weiß man, dass sich das nicht ausgeht, sondern dass mit Sparbuchzinsen Geld auch privat vernichtet wird.

Da sind wir wieder beim Zinseszins. – Manche haben gesagt, er sei wie ein Weltwunder. Ich bin auch mit Sparen und Sparbuch aufgewachsen, die Art des Ansparens hat sich halt verändert. Jetzt hab ich Sparpläne mit Aktien.

Das heißt, Sie sind auch ein Fan der Wiener Börse? – Ich finde es faszinierend, dass sich jeder Bürger und jede Bürgerin in einer Gesellschaft an Unternehmen beteiligen kann, die weltweit verstreut sind. Das ist eine demokratische Teilhabemöglichkeit, auch an Gewinnen zu partizipieren. Dieses Schüren der Angst vorm Kapitalmarkt ist arbeitenden Menschen gegenüber nicht fair, weil du ihnen damit die Mitverdienstmöglichkeiten an der Weltwirtschaft verunmöglichst.

© Richard Tanzer
"Wenn jeder für alles verantwortlich ist, ist niemand für nichts verantwortlich", erklärt der Bildungsminister der Börsianer Chefredaktion das neu geschaffene Fach "Medien und Demokratie".

Der vor etwa einem Monat veröffentlichte Pisa-Test zeigte, je mehr Künstliche Intelligenz Kinder verwenden, desto schlechter sind die Ergebnisse. Wo muss man da ansetzen? – Die Ergebnisse waren differenzierter. Wenn Kinder zu früh KI verwenden, ohne dies pädagogisch gut einzubetten, haben sie schlechtere Leistungen. Baut man das in der Schule aber gut auf – beginnend bei den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen, bevor mit digitalen Geräten gearbeitet –, dann kann der Lernerfolg sogar verbessert werden. Wir dürfen also unsere Denkprozesse in der Schule nicht zu früh an die KI auslagern, weil sonst verlernen wir das eigene und selbstständige Denken.

Das heißt jetzt konkret? – Zuerst ohne die KI, dann über die KI und dann mit der KI lernen.

In die Lehrpläne ist das schnell reingeschrieben. Wie bekommt man das Thema in die Klassenzimmer, und wieso wird KI mit Informatik kombiniert? Gerade bei KI geht es doch auch um ethische Fragen. – Wir haben ausgebildete Informatiklehrkräfte, die werden sich im Bereich von KI fortbilden und weiterbilden, um das neue Fach Informatik und KI gut vermitteln zu können. Wir haben auch viele quereinsteigende Personen, die aus der Privatwirtschaft der Informatik in die Schule gewechselt haben.

Wenn man die Inflation sieht, dann weiß man, dass mit Sparbuchzinsen Geld auch privat ­vernichtet wird.
Christoph Wiederkehr
Bildungsminister

Informatiker sind eigentlich Techniker und meist keine Ethiker. – Die KI betrifft alle Themenfelder und Fächer, das heißt, es wird in allen Fächern mit KI gearbeitet werden. Es ist aber eine technische Anwendung. Das heißt, es ist wichtig, dass man dieses technische Tool im Informatikunterricht auch fachlich versteht. Dort ist ab der Oberstufe die fachliche Verankerung. Natürlich hat die KI Berührungspunkte zur Sprache, sehr viele sogar zur Philosophie und aus meiner Sicht zu allen Fächern. Denn in Zukunft werden wir in allen Gesellschaftsbereichen die KI verwenden. Wichtig ist, dass die Schüler lernen, KI auch kritisch zu hinterfragen.

Das Fach Medien und Demokratie soll ebenso ab der Oberstufe eingeführt werden. Auch hier gibt es, besonders bei Me­dien, starke Berührungspunkte zur KI. Wieso trennt man das? – Die Schulen haben hier sehr viele Freiheiten und Möglichkeiten. Ich als Bildungsminister schreibe vor, was die Kinder und Jugendlichen lernen müssen. Also IT-Kompetenzen, digitale Kompetenzen, KI-Kompetenzen, Medienkompetenz, Demokratiekompetenz. Die Schulen haben unterschiedliche Wege, wie sie es integrieren. Uns ist es wichtig, in der Schule einen Raum zu öffnen, um über Me­dien und Demokratie zu lernen und beispielsweise auch selber Medien zu produzieren, Social Media zu verstehen und zu hinterfragen. Denn die größten Fragen unserer Gesellschaft werden aktuell auf Social Media diskutiert. Wenn jeder für alles verantwortlich ist, ist niemand für nichts verantwortlich, deshalb das eigene Fach. Denn nur übergreifende Themen zu machen und zu glauben, es passiert sowieso, ist eine Lotterie. Ich möchte aber sicherstellen, dass alle Kinder diese wichtigen Zukunftskompetenzen bekommen.

Wie passen diese Pläne mit dem Social-Me­dia-Ver­bot für unter 14-Jährige zusammen? – Wenn Kinder zu viel Zeit auf Bildschirmen verbringen und ungeschützt auf Social Media sind, dann hat das negative Auswirkungen auf die Konzentra­tionsfähigkeit, auf die Leistungsfähigkeit und auch auf die psychische Gesundheit. Deshalb ist es wichtig, diese Lebensbereiche für die Kinder genauso zu regeln wie beispielsweise Alkoholkonsum oder Zigarettenkonsum. Eine Altersgrenze für Social Media ist notwendig, um die Kinder zu schützen. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Social-Media-Kompetenz in den Schulen verstärken.

Der Pisa-Test hat erneut gezeigt, dass Bildung vererbt wird. Wie weit kann der Staat ausgleichen, was bildungsdesinteressierte Eltern nicht können oder wollen? – Einer der Hauptgründe, warum wir so große Unterschiede in Österreich haben, ist eine sehr frühe Trennung mit zehn Jahren der Kinder in Gymnasium und Mittelschule. Hier werden wir in einem ersten Schritt über Pilotprojekte eine sechsjährige Volksschule einführen, um so die Leistungsfähigkeit und die Bildungsgerechtigkeit zu verbessern. Das staatliche Bildungssystems muss Chancengerechtigkeit herstellen. Das heißt, auch Kinder aus bildungsferneren Familien sollen einen Bildungsaufstieg erreichen können. Da setzen wir früh an und führen ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr ein.

Eltern haben eine wichtige Verantwortung für die Bildung ihrer ­Kinder, und diese ­Verantwortung fordern wir auch ein.
Christoph Wiederkehr
Bildungsminister

Wie holen Sie die Eltern ins Boot? Mit Zwang? – Eltern haben eine wichtige Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder, und diese Verantwortung fordern wir auch ein. Wir haben im Parlament Gesetze beschlossen, wo Eltern sanktioniert werden können, wenn sie sich nicht am Bildungserfolg der Kinder beteiligen. Zum Beispiel wenn Kinder wegen Gewalt suspendiert werden, dann gibt es eine Verpflichtung der Eltern, Gespräche mit der Schule zu führen.

Es gibt immer mehr Kinder, die vor Schul­eintritt nicht gut genug Deutsch können. In manchen Kindergärten ist es einfacher, Arabisch zu lernen als Deutsch. – Wenn es zu viele Kinder von einer Sprache im Kindergarten gibt, die nicht Deutsch sprechen, ist das ein Problem. In Wien hat meine Kollegin Bettina Emmerling hier Maßnahmen gesetzt, dass nicht zu viele Kinder mit derselben Erstsprache in derselben Gruppe sein dürfen, damit die Kinder auch wieder voneinander lernen.

Ähnliches gibt es auch in Schulen. Wie wollen Sie eine bessere Durchmischung erreichen? – An den Schulen in Wien gilt die freie Schulwahl der Eltern. Diese ist gut, und diese möchte ich bewahren und beschützen, denn die Entscheidung der Eltern soll hier nicht beschnitten werden. Die Schulen, die mehr Herausforderungen haben, bekommen allerdings auch in Zukunft mehr Mittel. Über den Chancenbonus profitieren österreichweit 400 Schulen mit einem Budgetvolumen von 65 Millionen Euro, wo die Schulen, die besondere Herausforderungen haben, mehr Personal einstellen können, um diese Kinder dann besser zu fördern. An diesen Schulen gibt es dann zum Beispiel mehr Deutschlehrkräfte, mehr Schulpsychologen, mehr Sozialarbeiter, um dort die Kinder besser unterstützen zu können.

Braucht es nicht auch einen transparenteren Wettbewerb unter den Schulen? – Ja!

Individuelle Kompetenzmessung, also den IKM-Plus-Test, gibt es – wieso werden die Ergebnisse nicht publiziert? – Wir werden im kommenden Schuljahr erstmals Leistungsdaten der Schulen veröffentlichen, allerdings nur im fairen Vergleich. Das heißt, nur Schulen mit ähnlichen Herausforderungen werden miteinander in Bezug gesetzt, und es wird dann auf einer Webseite öffentlich verfügbar sein.

Wir glauben Ihnen Ihren Reformeifer. Aber es gibt natürlich auch mehrere Stakeholder, die andere Interessen verfolgen. Wie steht es in diesem Match? – Gerade Politik ist das Bohren von harten Brettern, so auch im Bildungsbereich. Wir haben in den ersten eineinhalb Jahren der Regierung vieles vorangebracht. Ich sehe viel Unterstützung in der Bevölkerung, dass wir unser Schulsystem reformieren, und moderner aufstellen, damit die Kinder besser auf ihre Zukunft vorbereitet werden.

Sie haben den Großteil der Legislaturperiode noch vor sich. Was ist das nächste große Ding? – Die Reformpartnerschaft, in der wir den Föderalismus in Österreich besser und effizienter aufstellen und damit die Bildung verbessern. Das heißt, wir stellen den Kindergarten in den Mittelpunkt und bauen ganztägige Schulformen weiter aus. —

Ingrid Krawarik

Autor 1

Ingrid Krawarik

Chefredaktion, Börsianer Print, Börsianer Salon, Börsianer Roadshow

Daniel Nutz

Autor 2

Daniel Nutz

Chefredaktion

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