Magazin

Defence aus der Kantine

Keine Panzer, keine Waffen – und trotzdem mitten im ­Rüstungsboom. Das Food-Tech-Unternehmen Circus zeigt, wie schnell Firmen im neuen Milliardenmarkt landen. Für Mitarbeiter ist das manchmal schwierig, für Investoren ein Leckerbissen.

Veröffentlicht

22.05.2026

Lesezeit

4 min
Teilen auf
© Circus Group
Eigentlich hatten Nikolas Bullwinkel und die Gründer von Circus nicht den Plan, das Militär als Kunden zu gewinnen. Als dann die Anfrage kam, reagierte man prompt.

Europa rüstet auf. Und dabei mischen Unternehmen mit, die gestern noch Kantinen digitalisiert haben und heute Teil der Verteidigungsindustrie sind. Was wie eine Pitchdeck-Übertreibung klingt, ist Realität. Rund 100 Milliarden Euro zusätzlich fließen in Deutschland in Sicherheit und Verteidigung. Neue Budgets, neue Aufträge, neue Lieferketten. Und mittendrin Firmen, die mit Militär bisher nichts zu tun hatten.

Circus ist so ein Fall. „Defence ist ein unfassbar starker Wachstumsmarkt“, sagt Circus-Chef Nikolas Bullwinkel. Der 30-Jährige ist kein Zyniker, kein Rüstungslobbyist, sondern jemand, der eigentlich Küchen automatisieren wollte. Sein Unternehmen baut Food-Robotics-Systeme, also Maschinen, die warme Mahlzeiten produzieren – für Krankenhäuser, Flughäfen, Unternehmen oder Schulen. Und jetzt eben auch für Armeen.

Das Militär rief an

Der Einstieg war nicht strategisch geplant, sondern kam zufällig zustande. „Vor anderthalb Jahren haben sich die ersten Militärs bei uns gemeldet“, sagt Bullwinkel. „Wir haben das nicht aktiv angeboten.“ Es war ein klassischer Marktimpuls: Nachfrage zieht Angebot. Und was dann passiert, ist der eigentliche Wandel.

Aus einem Tech-Start-up wird ein regulierter Player. Bullwinkel gründete eine neue Gesellschaft, baute ein eigenes Team auf, erließ strenge Zugangsregeln. „Mittlerweile ist es eine eigene Legal Entity“, sagt er. „Nicht jeder Mitarbeiter darf daran arbeiten.“ Sicherheit, Compliance, Exportkontrollen – plötzlich geht es nicht mehr nur um ein Produkt, sondern um Geopolitik. Und das ist der Moment, in dem sich ein Unternehmen verändert.

© Circus Group
Das containerartige Objekt, mit dem Soldaten versorgt werden, wurde von der deutschen Bundeswehr, aus Litauen und der Ukraine bestellt.

Nicht das Produkt macht den Unterschied, sondern der Kontext. Circus baut weiterhin keine Waffen. „Das wollen wir nicht“, sagt Bullwinkel klar. Aber das Militär funktioniert nicht nur über Waffen. „Weit über 50 Prozent der Ausgaben sind Personal. Davon 70 bis 80 Prozent Logistiker.“ Und genau dort sitzt das Unternehmen jetzt.

Was wie Küche klingt, ist Infrastruktur. Und Infrastruktur ist im Krieg alles. Die Realität ist brutal konkret. „40 Gramm Fleisch bekommen ukrainische Soldaten pro Tag“, sagt Bullwinkel. Mehr gibt das Budget oft nicht her. Seine Systeme sollen genau das ändern: Effizienz statt Knappheit, Skalierung statt Improvisation. Soldaten werden satt, weil die Logistik plötzlich weniger kostet. Das ist Defence – nur anders gedacht.

Deutschlands stille Rüstungswende

Circus ist kein Einzelfall. In Deutschland und Österreich verschiebt sich gerade ein ganzer Industriebereich. Laut Studien des Münchner Ifo-Instituts prüfen mittlerweile rund 20 bis 30 Prozent der Industrieunternehmen eine Ausweitung in sicherheitsrelevante Geschäftsfelder. Gleichzeitig ist der Auftragseingang der klassischen Rüstungsindus­trie in Deutschland zuletzt um mehr als 40 Prozent gestiegen – ein Sog, der weit in den Mittelstand hineinreicht. Unternehmen wie Voith in Schwaben liefern plötzlich Komponenten für militärische Fahrzeuge, während Sensorikspezialisten wie Hensoldt zweistellig wachsen und ihre Kapazitäten massiv ausbauen.

In Österreich entstehen rund um Zulieferer und Maschinenbauer wie Benteler International Austria neue Defence-Cluster, oft zunächst über Logistik, Software oder Elektronik. Das Muster ist immer gleich: Kein abrupter Strategiewechsel, sondern eine Erweiterung des Portfolios. Erst ein Pilotprojekt, dann ein Auftrag, dann ein eigener Geschäftsbereich. Der Rüstungsboom wirkt wie ein Magnet – auch auf Unternehmen, die sich selbst nie dort gesehen haben.

Defence ist ein Markt, der on top kommt.
Nikolas Bullwinkel
Circus Group

Für Circus ist der Schritt kein moralischer Bruch, sondern ein organisatorischer. Trotzdem gibt es Reibung. „Kurzfristig gab es Unsicherheit“, sagt Bullwinkel. Mitarbeiter fragten sich, ob sie das mittragen wollen. Die Antwort des Unternehmens: maximale Transparenz. „Ein Leitstern steht darüber: Wir versorgen Menschen, die keine Alternative zu warmem Essen haben.“ Purpose statt Panzern.

Gleichzeitig verändert sich die Wahrnehmung am Markt. Investoren schauen noch immer zuerst auf Drohnen, Raketen, klassische Rüstung. Bullwinkel sieht das anders. „Wir stehen in der Küche. Das ist klassische Infrastruktur.“ Und genau darin liegt die neue Story des börsennotierten Unternehmens. Der Rüstungsboom ist größer als nur Waffenproduktion.

Vorteil: Planwirtschaft

Der Boom schafft sein eigenes Ökosystem: Sensorik, Software, Daten, Logistik, Infrastruktur, Verpflegung, Robotik. Wer dort andockt, wird Teil eines Marktes, der politisch gewollt und finanziell abgesichert ist. Es ist ein Markt mit Planbarkeit und Wachstum – etwas, das viele andere Industrien in Europa gerade vermissen.

Circus bleibt dabei bewusst schlank. „Wir produzieren nicht inhouse“, sagt Bullwinkel. Auftragsfertiger sitzen in Asien, künftig auch in Europa. Rund 100 Mitarbeiter tragen das Circus-Logo. Defence wird von einem kleinen Team betreut. Kein schwerfälliger Konzern, sondern ein Start-up im neuen Spielfeld.

© Circus Group
Circus produziert nicht inhouse. Auftragsfertiger sitzen in Asien, künftig auch in Europa.

Hier zeigt sich, wie Wandel heute funktioniert. Nicht als lauter Strategiewechsel, sondern schleichende Verschiebung: erst Anfrage, dann Auftrag, dann eigene Einheit. Und plötzlich ist man Teil des Systems.

Bullwinkel formuliert die Entwicklung nüchtern: „Defence ist ein Markt, der on top kommt.“ Für Börsianer ist das die eigentliche Botschaft. Hier entstehen neue Kategorien. Unternehmen, die gestern Konsum oder B2B waren, werden heute sicherheitsrelevant. Ihre Bewertung folgt nicht mehr nur dem Umsatz und der Marge – sondern geopolitischer Bedeutung. Und die wächst gerade schneller als jede Food-App.

Oliver Stock

Autor

Oliver Stock

Korrespondent Deutschland

Teilen auf
Anzeige