Kommentar

Waffen als zivilisatorischer Fortschritt?

Die EU-Kommission will den Rüstungssektor stärken. Offensichtlich soll dazu auch das Sustainable Finance Framework entsprechend ausgelegt werden. Eine Idee mit Sprengpotenzial.

Veröffentlicht

11.08.2025

Lesezeit

2 min
Teilen auf
Handgranate ESG Investments
© Börsianer / KI generiert
Grünes Kapital für Waffen? Eine Idee mit Sprengkraft.

Seit den Anfängen des ethischen Investments galten gewisse moralische Anker als gesetzt: Ausschluss von Drogen, Glücksspiel und eben Waffen. Dass europaweit bessere Bedingungen für die Rüstungsindustrie geschaffen werden müssen, mag angesichts der veränderten Weltlage nachvollziehbar erscheinen. Dass dafür aber ausgerechnet das Sustainable Finance Framework – also das Regelwerk für nachhaltiges Investment – herhalten soll, muss aber hinterfragt werden.

Friede durch Waffen?

Worum geht es? Im „Defence Readiness Omnibus“ betont die Kommission sinngemäß, dass die Verteidigungsindustrie dazu beiträgt, die europäischen Bürgerinnen und Bürger vor bewaffneten Angriffen zu schützen. So weit, so nachvollziehbar. Der Schluss, dass die Aufrüstung auf das 16. UN-Entwicklungsziel „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ einzahlen soll, konterkariert jedoch auf perfide Weise, wie wir bislang auf das Thema Friedensschaffung blickten – und öffnet gefährliche Interpretationsräume. Etwa: nukleare Aufrüstung als Abschreckung zum vermeintlichen Friedenserhalt?

Der ETF auf den US Arospace Defense Index ist ein Indikator für die gute Wertentwicklung von Rüstungstiteln an den US-Börsen. Im Vergleich dazu zeigte der nach ESG-Ausschlüssen bereinigter ETF auf den Weltindex weniger Performance.

Dieser Gedanke soll nicht als Plädoyer für Pazifismus verstanden werden. Das Argument lautet vielmehr: Waffen dienten immer – neben der Angriffsfähigkeit – auch dem Zweck, sich zu verteidigen. Wieso sollen wir dies als Investoren nun moralisch anders bewerten? Es spricht auch nichts dagegen, in Waffen zu investieren – nur eben nicht als nachhaltige Investoren! Der Gedanke der Kommission scheint relativ klar: Durch den Omnibus sollen Investments in Rüstung auf Biegen und Brechen mit den Zielen des Green Deal vereinbaren.

Bröckelnder Ausschluss von Waffen

Die Frage ist: Wie verhalten sich Banken und Kapitalanlagegesellschaften? Schon jetzt erlauben die Paris-Aligned Benchmarks das Investment in bestimmte Waffenkategorien, die als nicht geächtet gelten. Dass Rüstung und ESG-Konformität nun in Einklang kommen könnten, würde privaten Investoren mehr Möglichkeiten bieten. Auf Anfrage von Börsianer schließen die beiden größten österreichischen Asset Manager – Erste Asset Management und Raiffeisen Capital Management – Rüstungsinvestments in ihren Nachhaltigkeitsfonds derzeit dezidiert aus. Große deutsche Investoren wie AGI oder DWS überarbeiteten zuletzt ihre Richtlinien, um Waffen für manche nachhaltige Fonds investierbar zu machen. Die gute Performance der Rüstungsbranche der letzten Jahre mag zum Umdenken beigetragen haben. Doch ist der Trend nachhaltig – im Sinne von dauerhaft?

Gegenüber dem Börsianer meint etwa Catriona Marshall, Head of Sustainable Investment bei Comgest: „Ich glaube nicht, dass man durch den Verzicht auf Investments in Waffen in Zukunft auf Renditen verzichten muss.“ Einer der größeren österreichischen Asset Manager erkennt derweil das Thema Rüstung als neuen Megatrend. Für die Welt bleibt zu hoffen, dass dem nicht so ist. Megatrends wirken bekanntlich viele Jahrzehnte und berühren alle gesellschaftlichen Entwicklungen.

Daniel Nutz

Autor

Daniel Nutz

Chefredaktion

Teilen auf

Mehr zum Thema #ESG

Magazin
Perspektiven

ESG Fund Award 2026: Das sind die Sieger

Mit einer ausgeklügelten Formel suchten wir gemeinsam mit ESG Plus zum vierten Mal die besten nachhaltigen Fonds. Aus 1.688 in Österreich zugelassenen Produkten mit einem Gesamt­volumen von 1,6 Billionen Euro zeichnen wir 46 Fonds mit dem Goldstatus aus.
13.05.2026
Daniel Nutz
A green bull standing on grass, overlaid with "ESG Fund Award 26" and "Börsianer ESG Plus" text.
Magazin
Perspektiven

Die neue Bank, die anders denkt

Je größer der ökologische und soziale Impact, desto günstiger der Kredit: Der Ex-CEO der Raiffeisen Landesbank Tirol, Johannes Ortner, glaubt an dieses Geschäftsmodell und will mit der ersten Impact-Bank Österreichs bei der Revolution im Finanzsektor mitmischen.
12.05.2026
Alexandra Rotter
Die neue Bank, die anders denkt
Advertorial

Mit Kraken vom Krypto-Markt bis zur Wall Street

Wer heute am Krypto-Markt agiert, sucht nach verlässlichen Strukturen. Kraken operiert deshalb nicht mehr nur als reine Krypto-Börse, sondern als regulierte Multi-Asset-Plattform. Für Nutzer bedeutet das konkret: Sie erhalten Zugang zu einem hochliquiden Markt mit über 600 sorgfältig geprüften Kryptowährungen.
27.04.2026
Gastkommentar
Perspektiven

Studie: Greenwashing bei Fonds geht zurück

Österreichs nachhaltige Fonds werden messbar nachhaltiger. Neue ESMA-Regeln sorgen für mehr Klarheit – aber sie lösen nicht alle Probleme. Ein Kommentar von Armand Colard, Gründer von ESG Plus.
27.11.2025
Armand Colard
Lupe auf einer Polizze
Perspektiven
News

Fonds: Neue Labels statt Artikel 8 und 9

Die EU-Kommission stellt die Regeln für nachhaltige Finanzprodukte auf den Kopf. Eine neue Kategorie kommt. Die Einordnung in Artikel 8 oder 9 ist Geschichte. Einiges bleibt aber noch offen.
26.11.2025
Daniel Nutz
Fonds: Neue Labels statt Artikel 8 und 9
Anzeige