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Reportage
Magazin

E-Tuk-Tuks: Revolution auf drei Rädern

Auf dem indischen ­Subkontinent rollt die Mobilitätswende auf drei Rädern. Während Indien vorangeht, zwingen aktuelle Treibstoffengpässe andere Länder zum Umdenken. Eine Reportage aus Sri Lanka.

Veröffentlicht

21.05.2026

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5 min
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© Alexandra Rotter

Wenn wir in Sri Lanka, dem Heimatland meines Mannes, sind, ist unser Tuk-Tuk das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Wir besuchen damit Familie und Freunde, erledigen Einkäufe, machen Ausflüge, und in der Hauptsaison bringen wir Touristen von ihren Unterkünften zum familieneigenen Massagepavillon und wieder zurück. Es gibt aus unserer Sicht kein besseres Fortbewegungsmittel als dieses kompakte Fahrzeug, das von den Einheimischen „Threewheeler“ genannt wird. Dieser Dreiradler bietet Platz für bis zu vier Personen – wenn keiner schaut, auch mehr. Es schützt vor der Sonne, verschafft etwas Fahrtwind, und bei Regen bekommt man maximal ein paar Tropfen ab.

Nun ist unser geliebtes Tuk-Tuk aber schon etwas in die Jahre gekommen, und wir haben entschieden: Ein neues soll her. Wir düsen die Küstenstraße entlang in den Nachbarort. An uns ziehen schicke Hotels, einfache Häuser, eine Moschee, ein Tempel und etliche kleine Stände und Shops wie Saftbars, Streetfood-Läden und Fischhändler vorbei. Wir werden von anderen Tuk-Tuks und Bussen überholt und atmen teilweise schwarzen Rauch aus ihren Auspuffen ein. In einem kleinen Vorführraum von Bajaj ist neben drei konventionellen auch ein elektrisches Tuk-Tuk ausgestellt. Ich sehe so etwas zum ersten Mal und bin begeistert.

© Alexandra Rotter
Blick in die Zukunft? Dieses E-Mobil von Bajaj sieht aus wie die meisten anderen dreirädrigen Fahr­zeuge. Auf den Straßen von Sri Lanka findet man es aber kaum.

Es ist nicht einfärbig wie die anderen: Die Karosserie ist weiß, das Dach hellblau. Ansonsten erkenne ich auf den ersten Blick keinen Unterschied. Doch bevor wir entscheiden, ob ein E-Tuk-Tuk für uns Sinn macht, müssen wir Informationen einholen.

Schwarzer Rauch

Aus ökologischer Sicht ist es keine Frage, dass ein elektrifizierter Verkehr sinnvoll wäre – viele hiesige Fahrzeuge würden in Österreich beim besten Willen kein Pickerl mehr bekommen. Zudem wird Sri Lanka seit Jahren von Krisen gebeutelt, die regelmäßig zu Knappheit fossiler Treibstoffe führen. Durch die Staatspleite konnte 2022 wochenlang so gut wie kein Benzin importiert werden. Ich habe es zwar genossen, endlich mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können, ohne Angst, dem turbulenten Verkehr zum Opfer zu fallen, aber ökonomisch war diese Zeit für viele Menschen eine Katastrophe.

Vor kurzem haben die Folgen des Kriegs im Nahen Osten wieder zu langen Schlangen vor den Tankstellen und Rationierungen geführt: Mit einem Tuk-Tuk durfte man je nach Kennzeichen nur an geraden oder ungeraden Tagen und wöchentlich nur fünf Liter tanken – viel mehr hätte sich bei den gestiegenen Spritpreisen ohnehin kaum jemand leisten können. Ein Liter Benzin kostete zuletzt umgerechnet mehr als einen Euro – und das bei einem monatlichen Medianeinkommen von rund 95 Euro.

„Von den insgesamt 1,2 Millionen Tuk-Tuks auf der Insel sollten innerhalb von fünf Jahren 500.000 elektrisch werden. Drei Jahre sind mittlerweile schon vergangen. Will man dieses Ziel also noch erreichen, muss man wohl mehr Gas geben."
Alexandra Rotter

Bekenntnisse, den Threewheeler-Markt in Sri Lanka auf elektrisch umzustellen, gibt es schon länger. 2023 rollte das United Nations Development Programme gemeinsam mit dem Transportministerium, dem Energieministerium, der Verkehrsregulierungsbehörde sowie der Zulassungs- und Führerscheinbehörde in Sri Lanka ein Pilotprojekt aus, bei dem rund 200 Tuk-Tuks kostenlos zu E-Tuk-Tuks umgerüstet werden sollten. Frauen und Menschen mit Behinderungen wurden bevorzugt. Damals, im Mai 2023, kündigten diese Organisationen an, dies sei der Beginn einer großflächigen Umrüstung: Von den insgesamt 1,2 Millionen Tuk-Tuks auf der Insel sollten innerhalb von fünf Jahren 500.000 elektrisch werden. Drei Jahre davon sind schon wieder um. Will man das Ziel also noch erreichen, muss man wohl mehr Gas geben. Denn noch ist die Elektrifizierung im breiten Markt nicht angekommen. Immerhin sieht man mittlerweile mehr E-Motorräder.

Erstes verkauftes E-Tuk-Tuk

Doch mit der neuen Krise ändert sich das schlagartig. Wir besuchen einen Shop von DPMC, einem Händler, der neben Tuk-Tuks auch chinesische Hybridautos und österreichisch-indische KTM-Motorräder importiert und verkauft. Zwei Manager schauen einander leicht genervt an – so viele Fragen wie wir scheint sonst niemand zu stellen. Sie bieten seit 2025 E-Tuk-Tuks an – neben den besonders beliebten von Bajaj auch andere Modelle wie von Mahindra oder Vega, einem Produzenten aus Sri Lanka. Dennoch: Das erste E-Tuk-Tuk haben sie im März 2026 verkauft – an einen „Local“, der im Tourismus tätig ist. Zwei weitere Bestellungen gingen Ende März ebenfalls ein. Zum Vergleich: Pro Monat verkauft die Filiale etwa 50 konventionelle Tuk-Tuks.

Doch die Nachfrage steigt. Ein Manager berichtet mit leicht gelangweilter Miene: „Seit den Treibstoffproblemen infolge des Kriegs im Iran erkundigen sich alle Interessenten über elektrische Threewheeler.“ In erster Linie wollen sie – und auch wir – wissen, wie weit man mit einer Ladung kommt, wie lange es dauert, bis die Batterie vollständig geladen ist, wo respektive wie man das Tuk-Tuk auflädt und ob es Ersatzteile gibt – und natürlich, wie viel sie kosten.

© Börsianer
Autokauf. Bei der Suche nach einem neuen Tuk-Tuk kamen wir schnell auf die E-Modelle von Bajaj. Mein Mann und ich entschieden uns letztlich dennoch für ein Verbrennermodell.

Wir erfahren: Je nach Beladung und Geschwindigkeit kommt man 150 bis 170 Kilometer weit, doch gibt es auch Modelle mit größeren Reichweiten. Meist wird zu Hause an der Steckdose geladen – öffentliche Ladein­fra­struktur ist kaum vorhanden. Die Supermarktkette Keells bietet an einzelnen Standorten auf ihren Kundenparkplätzen Lademöglichkeiten an. Einmal vollständig aufladen dauert etwa vier Stunden – natürlich ohne Stromausfall. Und Bajaj wirbt mit Kosten von vier Rupien pro Kilometer, das entspräche rund einem Euro für 100 Kilometer. Mit einem Liter Benzin kommt man nur rund 25 Kilometer weit. Ein E-Tuk-Tuk ist im Unterhalt deutlich günstiger, weil häufige Services entfallen, in der Anschaffung jedoch deutlich teurer.

Treiber der Mobilitätswende

Im Vergleich zu Sri Lanka ist Indien viel weiter. E-Tuk-Tuks gelten hier als früher Treiber der E-Mobilität. Im Juni 2025 hatten bereits mehr als 60 Prozent aller neu verkauften Threewheeler einen Elektroantrieb – die Zahl stammt von der Federation of Indian Automo­bile Dealers Associations. Das sind etwa 800.000 E-Tuk-Tuks pro Jahr – insgesamt wurden zuletzt mehr als 2,2 Millionen Elektrofahrzeuge jährlich verkauft. Der Anteil an E-Tuk-Tuks ist also hoch.

© Alexandra Rotter
Teuer. An den Zapfsäulen wird das Benzin teuer. Zeit für einen Umstieg auf E-Mobilität?

Unsere Entscheidung ist gefallen – mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Wir kaufen noch einmal ein Benzin-Tuk-Tuk. Wir sind maximal ein paar Monate pro Jahr hier. Zwar nutzt in der Zeit ein Freund unser Tuk-Tuk, aber es wird nicht sehr oft bewegt, was einer Batterie schaden würde. Auch dass wir für längere Trips noch nicht so flexibel wären, schreckt uns im Moment noch ab. Und schließlich gelten E-Tuk-Tuks am Gebrauchtmarkt als schwer verkäuflich. Doch ich bin mir sicher: Das nächste Tuk-Tuk, das wir uns anschaffen werden, tanken wir schon an der Steckdose auf.

Alexandra Rotter

Autor

Alexandra Rotter

ist Autorin für den Börsianer.

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