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Perspektiven

Lifestyle-Freizeit: Arbeiten wir zu wenig?

Die Beschäftigungszahlen steigen, die geleisteten ­Arbeitsstunden in Summe kaum. Freiwillige oder ­erzwungene Teilzeit? Beides trifft zu und hat Folgen für das Fachkräfteangebot und das Gesundheitssystem.

Veröffentlicht

02.08.2026

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5 min
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Three men smiling and holding drinks outside a neoclassical building, with one pointing playfully towards the camera.
© APA-Images / SZ-Photo / Johannes Simon
Klischee. Das Leben auskosten und weniger arbeiten hängt meist nicht mit einem Partylifestyle zusammen. Für die Pension hat das Phänomen trotzdem Auswirkungen.

Wir schreiben das Jahr 1990: Markus Marterbauer ist Assistent und Studienrichtungsvertreter der Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien, lehrt seinen Studierenden – darunter die Autorin – den Nutzen von kürzeren Arbeitszeiten als wirksame Maßnahme gegen die hohe Arbeitslosigkeit.

Die Idee der 1990er-Jahre, die knappe Arbeit auf mehrere Menschen zu verteilen, scheint auch tatsächlich aufgegangen zu sein: Laut der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2025 ist die Zahl der Erwerbstätigen in Österreich in den letzten 20 Jahren um 20,1 Prozent gestiegen, während sich die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden gerade einmal um 2,1 Prozent erhöht hat.

Die Teilzeitquote liegt aktuell bei rund 31,5 Prozent aller Beschäftigten. Jede zweite Frau ist in Österreich in Teilzeit beschäftigt, die zweithöchste Quote in der EU nach den Niederlanden. Bei den Männern hat sich in den letzten 20 Jahren die Teilzeitquote auf 14 Prozent mehr als verdoppelt.

»Wenn Männer reduzieren und Frauen aufstocken, kann ich das nur ­begrüßen.« Markus Marterbauer

Markus Marterbauer, inzwischen Finanzminister, sieht den Trend zur Teilzeit heute, 36 Jahre später, nach wie vor positiv: „Wenn die Männer ihre Arbeitsstunden reduzieren und die Frauen die Anzahl ihrer geleisteten Arbeitszeit aufstocken, kann ich das nur begrüßen.“ Ebenso betont Petra Draxl, Vorständin des Arbeitsmarktservice AMS, dass es bei Teilzeit auf die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ankommt: „Riskant wird eine Teilzeitbeschäftigung unter 25 Stunden. Dann wird finanzielle Unabhängigkeit schwierig und die Pensionslücke wächst. Besser sind 25 bis 35 Stunden. Gute Übergänge entstehen, wenn Qualifizierung und Stundenaufstockung gekoppelt werden, etwa nach einer Weiterbildung mit neuem Verantwortungszuschnitt.“

Herausforderung für den Sozialstaat

Gegenüber den 1990er-Jahren haben sich allerdings auch die Rahmenbedingungen geändert. Um den demografischen Wandel zu bewältigen, gilt es heute, die Arbeit nicht wie damals auf mehrere, sondern vielmehr auf weniger Beschäftigte zu verteilen. „Langfristig wird die hohe Teilzeitquote zur Herausforderung für den Sozialstaat und hier besonders für das Gesundheitssystem, wenn die geleisteten Arbeitsstunden nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten“, warnt AMS-Vorständin Draxl.

»Hohe Teilzeitquote wird zur Herausforderung für den Sozialstaat.« Petra Draxl

Derzeit gebe es noch keine wissenschaftlich fundierten Analysen, dass der Anstieg von Teilzeit das Sozialsystem so viel stärker belastet, hält Wifo-Arbeitsmarktökonom Helmut Mahringer entgegen: „Denn nicht alle Teilzeitkräfte kommen aus der Vollzeit. Einige kommen aus der Arbeitslosigkeit, und zu einem großen Teil sind es auch Frauen, die aufgrund von Betreuungspflichten als Teilzeitkraft in den Arbeitsmarkt zurückkehren und zuvor beim Partner mitversichert waren, also gar keine Beiträge leisteten.“

Altersarmut durch Teilzeitfalle

Auch wenn die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen von Teilzeit auf die Finanzierung des Gesundheits- und Pensionssystems noch nicht feststehen, sind die massiven Pensionseinschnitte, die Teilzeit beim Einzelnen bewirkt, längst spürbar. „Die Erstpension bei einer durchschnittlichen Akademikerin mit 45 Beitragsjahren in Vollzeit beträgt 3.264 Euro brutto, jene einer Akademikerin mit lediglich 28 Beitragsjahren, davon 21 mit 30 Wochenstunden in Teilzeit, beträgt 1.823 Euro brutto“, nennt AMS-Vorständin Draxl eines von vielen weiblichen Beispielen. Den Unterschied zwischen 45 Jahre Teilzeit gegen 45 Jahre Vollzeit konnte oder wollte keiner berechnen.

Teilzeit gewollt oder ungewollt?

Um mehr Menschen in Vollzeit zu bringen, muss man die Motivation für Teilzeit kennen. Da gibt es zum einen junge, genügsame, freizeitorientierte Menschen wie den 31-jährigen Softwareprogrammierer David S. aus Niederösterreich, der mit seinem Gehalt für 20 Wochenstunden auskommt und die Nachmittage lieber mit Beachvolleyball verbringt. Ein anderes typisches Beispiel ist die Jus-Studentin Antonia H. und ihre Kolleginnen, die sich mit Teilzeitassistentenjobs an der Uni ihr Studium finanzieren. Vielen Frauen geht es auch wie Babsi H., die wegen ihrer zwei schulpflichtigen Kinder ihren 20-Stunden-Lehrauftrag nicht aufstocken will.

»Wo wir ein Problem von der Anreizstruktur haben, mehr zu arbeiten, ist bei der ­geringfügigen ­Beschäftigung.« Helmut Mahringer

Die Daten zeigten es jedenfalls sehr klar, heißt es aus dem Ministerium von Arbeits- und Sozialministerin Korina Schumann: Teilzeit sei in vielen Fällen keine freie Lifestyleentscheidung, sondern oft eine Frage der Rahmenbedingungen. Laut den aktuellen Auswertungen arbeiteten viele Menschen in Teilzeit wegen Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Ausbildung oder weil sie keine passende Vollzeitstelle finden. „Gerade bei Frauen sehen wir strukturelle Ursachen. Mehr als jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet Teilzeit, bei Männern ist es nur rund jeder Siebente. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis von ungleichen Betreuungsaufgaben und unzureichenden Rahmenbedingungen“, so die Ministerin. Im Wesentlichen brauche es den Ausbau der Kinderbetreuung und eine spürbare Senkung der Abgaben, damit sich Mehrarbeit auch lohnt.

Dem kann auch Helmut Mahringer viel abgewinnen: „Es reicht aber nicht, den Frauen durch den Ausbau der Betreuungseinrichtungen den Wiedereinstieg zu erleichtern. Man muss auch etwas gegen die Dequalifizierung der Frauen bei ihrer Rückkehr auf den Arbeitsmarkt unternehmen. Sie akzeptieren oftmals geringer qualifizierte Tätigkeiten zugunsten einer Teilzeitbeschäftigung, weil Teilzeit in ihrem früheren Job nicht möglich ist. Hier braucht es in allen Qualifikationsebenen mehr Flexibilität, auch damit Wiedereinsteigerinnen in Vollzeitmodelle zurückkehren können.“

Eigene Fachkräfte mobilisieren!

„Und da nicht mehr so viele junge Menschen auf den Arbeitsmarkt nachkommen, sollten die Betriebe besser zusätzliche Arbeitsstunden bei ihrem bestehenden Personal mobilisieren“, rät Wifo-Experte Helmut Mahringer, um dem drohenden Arbeitskräftemangel vorzubeugen. Stille Arbeitskräftereserven ortet er etwa bei älteren Arbeitskräften, für die man Anreize schaffen sollte, sie länger in Beschäftigung zu halten. Generell sollte man Beschäftigte mit Teilzeitverträgen auch durch Weiterbildung und neue Aufgabenbereiche motivieren, mehr Stunden zu arbeiten. Stille Arbeitskräftereserven ließen sich vor allem bei Personen mit Migrationshintergrund mit Sprachbarrieren, bei Frauen häufig aufgrund von Unvereinbarkeiten mit Betreuungsaufgaben, bei Personen mit Gesundheitseinschränkungen und bei ehemaligen Arbeiterinnen und Arbeitern heben.

Kein Anreiz mehr zu arbeiten

„Wo wir ein Problem auch von der Anreizstruktur haben, ist bei der geringfügigen Beschäftigung“, gibt der Arbeitsexperte Helmut Mahringer zu bedenken. Denn überschreite man die Geringfügigkeitsgrenze, habe man auf einmal die vollen Sozialversicherungsabgaben: „Das bringt einem einerseits Versicherungszeiten, auch für die Pension. Aber es schaut halt dann geschwind einmal aus wie deutlich weniger Nettoeinkommen pro Stunde.“

Aber brauchen wir überhaupt noch Vollzeitkräfte, wenn die KI für uns die Arbeit macht? Es sei auch noch nicht sicher, wie sich die KI auf den Arbeitsmarkt auswirken werde, meint Ökonom Helmut Mahringer: „Zum einen wissen wir nicht, welche Jobs sie tatsächlich ersetzt. Zum anderen wissen wir von bisherigen technologischen Veränderungen, sei es die Industrialisierung, Automatisierung oder die Digitalisierung, dass sie einerseits schon arbeitssparend waren. Andererseits stimulierten Produktivitätssteigerungen durch die günstigeren Herstellungskosten auch die Nachfrage und damit den Arbeitsmarkt und bestimmte Tätigkeiten.“ Ob Teilzeit Lösung oder Risiko ist, entscheidet sich letztlich an fairen Rahmenbedingungen, Qualifizierung und der tatsächlichen Arbeitszeit. 

Julia Kistner

Autor

Julia Kistner

Finanzjournalistin

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