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Mini AKW: Lösung der Energiekrise?

Europas Spitzenpolitiker entdecken ihre Freundschaft mit der Kernenergie wieder. Doch sind die neuen Mini-AKWs tatsächlich die Lösung für unser Energieproblem – und wie mischt ein ehemaliger FPÖ-Parteichef hier mit?

Veröffentlicht

26.05.2026

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4 min
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Kernkraft Plakat mit Schriftzug Ja Bitte
© APA Picturesdesk / Edit Börsianer Redaktion
Stimmungswandel? Die Kernkraft galt nicht zuletzt wegen der gesellschaftlichen Ablehnung in Europa als Auslaufmodell. Energiekrisen führen jetzt dazu, dass der Einsatz von AKWs wieder diskutiert wird – speziell die neuen SMRs.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder glauben, eine Lösung für Europas Energiekrise gefunden zu haben: „Wir brauchen mehr Atomkraftwerke.“ Sie seien notwendig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig das Klima zu schützen. Zwei Argumente, die für die Atomkraft sprechen: Sie produziert Strom ohne CO2-Emissionen und benötigt keine regelmäßigen Brennstoffimporte wie Gas- oder Kohlekraftwerke.

Wird die Kernkraft vom Auslauf- zu einem Zukunftsmodell? In den westlichen Industriestaaten sieht es derzeit nicht danach aus. Bei den wenigen laufenden Projekten explodieren die Kosten, und auch die Zeitpläne werden gesprengt. Und noch entscheidender: Sie passen nur bedingt zu den wachsenden Anteilen volatiler Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenkraft. Denn Atomkraftwerke sind wenig flexibel, sie lassen sich nicht so rasch wie etwa Gaskraftwerke hoch- und herunterfahren, wenn der Strommarkt es verlangt.

Lösung verweht!

Noch wird die Energiewende, zu der sich Europa bekannt hat, vom Ausbau der Wind- und Sonnenenergie dominiert. Auch im Net-Zero-Szenario bis 2050 der Internationalen Energieagentur (IEA) stellen diese Technologien den größten Teil des Zuwachses. Prinzipiell setzt die Strategie einer rein erneuerbaren Energieversorgung auf Speicherlösungen wie Wasserstoff, die derzeit noch unwirtschaftlich sind. Eine schnelle Lösung für Europas Energieproblem ist daher nicht in Sicht. Die offenen Fragen: Was ergänzt die Erneuerbaren? Woher kommt der Strom in Zeiten der Dunkelflaute, wenn weder Sonne scheint noch Wind weht?

Wir brauchen mehr Atomkraftwerke.
Ursula von der Leyen

Für Marc Dengler, Energie- und Klimaexperte bei Greenpeace Österreich, ist die Antwort klar: „Wir brauchen einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien und Speicher.“ Die Probleme der Atomkraft seien ungelöst: Atommüll, Unfallrisiken sowie lange Bauzeiten und hohe Kosten. Ähnlich sehen das Energieexperten heimischer Versorger. „Wir brauchen jetzt Lösungen – nicht erst in zehn oder 15 Jahren, wenn neue AKWs ans Netz gehen könnten“, sagt ein Branchenvertreter.

Comeback der Kernenergie

Doch die Stimmung beginnt sich zu drehen. „Die politische Landschaft ändert sich und eröffnet neue Möglichkeiten für ein Comeback der Atomenergie“, schreibt die IEA in ihrem Report „Nuclear Power and Secure Energy Transition“. Die Autoren sind überzeugt, dass Atomkraft die Wende zu hoher Versorgungssicherheit und CO2-neutraler Energieerzeugung in Europa beschleunigen kann. Weltweit würden die rund 420 Gigawatt Atomkraftleistung im Vergleich zu fossilen Kraftwerken etwa 1,5 Milliarden Tonnen CO2 vermeiden.

Herkömmliche Atomkraftwerke mit Leistungen von mehr als 1.000 Megawatt haben allerdings zwei zentrale Nachteile: hohe Investitionskosten und lange Bauzeiten. Und hier kommen „Mini-AKWs“ ins Spiel – ein Konzept, das auch im politischen Umfeld von der Leyens und Söders Aufmerksamkeit findet. Small Modular Reactors (SMRs) nennt sie die Fachwelt. Diese sind kleiner, modular aufgebaut, potenziell schneller zu errichten und vermeintlich auch günstiger. Doch auch hier gilt: Es gibt sie bisher kaum am Markt, weshalb eine valide Einschätzung schwerfällt.

„Es gibt derzeit zwei betriebsbereite SMRs weltweit, darunter einen in ­China“, sagt Felix Aschendorf, Sales Director für den Nuklearbereich bei Siemens Energy. In mehreren Ländern laufen Planungen. Technisch funktionieren sie ähnlich wie große AKWs und nutzen meist Uran als Brennstoff. Siemens Energy kooperiert beim Turbinenbau mit Rolls-Royce SMR.

Doch die Euphorie wird von Experten gebremst. Der US-Physiker Edwin Lyman warnt, dass SMRs keineswegs automatisch günstiger oder sicherer seien – im Gegenteil, sie könnten pro erzeugte Strommenge sogar höhere Kosten verursachen. Auch das Atommüllproblem sei weiter ungelöst, wie die ehemalige Vorsitzende der US-Atomaufsicht NRC, Allison Macfarlane, aufzeigt. Kritiker sehen in SMRs daher eher eine langfristige Wette als eine kurzfristige Lösung der Energiekrise.

Innovation aus Graz

Davon will sich das Grazer Unternehmen Emerald Horizon AG nicht unterkriegen lassen. Es setzt auf Thorium und ein System ohne selbsttragende Kettenreaktion. Die Vorteile: Im Störfall soll der Prozess automatisch stoppen. Zudem sei die Verfügbarkeit von Thorium im Vergleich zum Uran deutlich besser. Das Unternehmen plant, seine Reaktoren ab 2029 auf den Markt zu bringen. „Das ist eine Revolution am Energiemarkt in Europa“, gibt sich Emerald-Horizon-Vizepräsident Norbert Hofer auf Nachfrage von Börsianer Perspektiven euphorisch. Dass Emerald Horizon AG seine Reaktoren in Österreich aufstellen wird, gilt als unwahrscheinlich. In Österreich ist die Atomfrage politisch heikel, zudem verbietet das Atomsperrgesetz den Bau von AKWs. Aber vielleicht schon bald in österreichischer Grenznähe. „Wir führen bereits die ersten Gespräche mit Kunden aus Ungarn und der Slowakei“, sagt Hofer. Womöglich helfen da seine politischen Kontakte.

Österreich ist dank der Wasserkraft gut aufgestellt und braucht das nicht.
Johannes Mayer

Denn Hofer ist kein Unbekannter. Der ehemalige FPÖ-Chef, langjährige Dritte Nationalratspräsident und Kandidat für die Bundespräsidentschaft zählt zu den bekanntesten politischen Figuren Österreichs – eines Landes, das sich politisch und gesellschaftlich klar gegen Kernkraft positioniert hat. Seine Funktion in einem Unternehmen, das auf neue Nukleartechnologie setzt, wirkt daher wie ein bewusster Bruch mit diesem energiepolitischen Grundkonsens, der auf dem historischen Nein zum AKW Zwentendorf gebaut ist.

Herkulesaufgabe

Was spricht für SMRs? Befürworter argumentieren, dass in einem komplett auf erneuerbare Energien ausgerichteten System bislang praktikable Langzeitspeicher fehlen. Batterien überbrücken nur kurze Zeiträume, etwa vom Tag in die Nacht. Für ein stabiles Stromsystem müssen Energieüberschüsse vom Sommer bis in den Winter übertragen werden können. Als Hoffnungsträger gilt Wasserstoff. Doch die Umwandlung von Strom in H2 und zurück ist teuer und mit erheblichen Energieverlusten verbunden.

Also doch Atomkraft? Johannes Mayer, Chefvolkswirt der Energiemarktaufsicht E-Control: „Österreich ist dank der Wasserkraft gut aufgestellt und braucht das nicht. Aber Europa bleibt womöglich keine andere Wahl.“ Angesichts hoher Gaspreise und der unsicheren Versorgung halten viele Experten eine Renaissance der AKWs für möglich. Der Druck, rasch tragfähige Lösungen zu finden, wächst. Daraus könnte ein riskantes Experiment unter Zeitdruck entstehen.

Der Vergleich der Stromgestehungskosten basiert auf Berechnungen, die Anlagenpreise, Son­nen­einstrahlung, Windangebot, Zahl der Volllaststunden sowie Kosten der CO2-Emissionszerti­fikate umfassen. Das obere Limit der Bandbreiten bezieht sich auf die jeweilige Anlage mit hohen Anschaffungskosten und wenigen Betriebsstunden, das untere Limit auf günstige Anlagen, gute Standorte, mehr Betriebsstunden. Einbezogen werden auch markt­übliche Finanzierungskosten und Risikoaufschläge je Technologie.
Irmgard Kischko

Autor

Irmgard Kischko

Finanzjournalistin

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