Gastkommentar

Tech Giganten: Wie man in Zyklen investiert

Börsianer-Gastautor Igor Pejic erklärt, warum seiner Ansicht nach technologische Zyklen für Anleger heute wichtiger sind als klassische Bewertungsmodelle und wie sie den nächsten großen Tech‑Durchbruch rechtzeitig erkennen können.

Veröffentlicht

13.04.2026

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© Börsianer
Technologiezyklen im Blick: Visualisierung von Innovationswellen und Wachstumsdynamik, wie sie die Entwicklung und Bewertung künftiger Tech‑Giganten prägen.
Fakt
Überblick
  • In der Technologie‑Ära gelten andere Investitionsregeln – Tech‑Aktien liefern seit den späten 1990ern eine anhaltende Überrendite.

  • Klassische Bewertungskennzahlen wie das KGV greifen bei disruptiven Unternehmen kaum noch.

  • Entscheidend ist die Analyse technologischer Zyklen: Reifegrade, Hype-Kurven und Marktdurchdringung.

  • Der Zyklen-Ansatz verbessert Timing und Trend­erkennung und trennt früh Gewinner von Verlierern.

  • Technologische Zyklen wirken stärker als Konjunkturzyklen, weil sie reale Produktivität und Wertschöpfung treiben.

  • Erfolgreiche Investments entstehen dort, wo Firmen auf einer disruptiven Technologie aufbauen, die kurz vor dem Massenmarkt steht.

„Diesmal ist alles anders.“ Glaubt man dem legendären Investor John Templeton, sind das die gefährlichsten Worte eines jeden Investors. Der Ausspruch wird oft als Mahnung zitiert: Die Spielregeln in der Anlagewelt ändern sich nicht. Meistens zumindest. Tatsächlich befindet sich die Börsenwelt derzeit mitten in einem Paradigmenwechsel, der bereits weit vor der AI-Welle begonnen hat. Das technologische Zeitalter hat nicht nur die mit Abstand größten und mächtigsten Firmen der Weltgeschichte hervorgebracht, sondern auch die Spielregeln des Investierens grundlegend verändert.

Der Ansatz der Fundamentalanalyse, der das 20. Jahrhundert geprägt und dominiert hat, musste seine Vormachtstellung Ende der 1990er Jahre abgeben. Zu stark war seither die Performance von Wachstumsaktien, allen voran jene der Tech-Unternehmen. Und der Unterschied steigt stetig weiter – sogar exponentiell. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Überrendite von Wachstumsaktien im Vergleich zu klassischen Aktien auf das Vierfache geschossen. Doch traditionelle Bewertungsmodelle stoßen bei Tech-Unternehmen an ihre Grenzen. Schlüsselkennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder der adressierbare Gesamtmarkt helfen kaum noch, eine aussagekräftige Firmenbewertung vorzunehmen.

Neue Ansätze sind gefragt

Aber wie können Anleger das enorme Potenzial neuer Technologien nutzen, wenn traditionelle Ansätze nicht mehr greifen? Wie können sie einen nachhaltigen Trend von einer gefährlichen Spekulationsblase unterscheiden? Und wie gelingt es ihnen, den richtigen Zeitpunkt für den Ein- und Ausstieg festzulegen? Die Antworten auf all diese Fragen liegen in der systematischen Beobachtung von Technologiezyklen. Anstatt auf vage Prognosen von Experten zu setzen oder sich in den Fußnoten von Jahresabschlüssen zu verlieren, geht es bei diesem Ansatz darum, die verborgenen, wiederkehrenden Muster technologischer Revolutionen zu verstehen.

Wachstumsannahmen sind der Kern jeder Investitionsentscheidung im Technologiebereich. Genau deshalb ist es jedoch schwierig, erfolgreich zu sein, denn technologisches Wachstum kommt in der Regel entweder unerwartet oder verspätet, dann aber exponentiell. Oft bleibt es komplett aus. Technologiezyklen können hier Abhilfe schaffen. Es gibt beispielsweise Modelle, die den Verlauf von Technologiereifegraden vorhersagen, oder jene, die Hype-Zyklen beschreiben, bis hin zu Ansätzen, mit denen sich ganze techno-ökonomische Zeitalter analysieren lassen. All diese Modelle können Anlegern helfen, einen guten Einstiegszeitpunkt zu finden, um von anstehenden, exponentiellen Wachstumskurven zu profitieren.

Potenzial vs. Risiko

Ganz besonders hilfreich sind Konzepte, die Technologieakzeptanz und Marktdurchdringung prognostizieren. Es gibt empirisch belegte Schwellenwerte, nach denen Anleger Ausschau halten sollten. Wenn es eine Technologie, beispielsweise, schafft, 15–20 Prozent des Marktes zu durchdringen, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns extrem. Das ist einer der idealen Punkte, an denen das Verhältnis von Potenzial zu Risiko besonders günstig ist.

Technologische Zyklen erstrecken sich über längere Zeiträume als makroökonomische Zyklen und sind daher primär für langfristige Anleger hilfreich. Sie sind jedoch auch tiefgreifender: Während das gesamtwirtschaftliche Klima hauptsächlich einen temporären Einfluss auf Aktienkurse hat, sind technologische Zyklen direkt an die Produktivität der Nutzer und somit an die tatsächliche Wertschöpfung gebunden. Die Investments richten sich also nach einer realen, nachhaltigen Entwicklung des Geschäfts.

Indikatoren finden

Die Modelle helfen, erfolgreiche von nicht erfolgreichen Technologien zu unterscheiden, und geben Anlegern einen wesentlichen Vorteil hinsichtlich des Timings. Zur Differenzierung zwischen einzelnen Tech-Firmen gibt es eine Reihe von Indikatoren. Was aber Ausnahmefirmen wie Amazon oder Nvidia immer gemeinsam haben, ist, dass ihr Kerngeschäft auf einer weitreichenden, disruptiven Technologie beruht, die gerade ihren Durchbruch erlebt oder kurz davor ist. Daher ist die Beschäftigung mit Technologien und ihren Zyklen unablässig.

In einem kaum zitierten Nachsatz zu seinem bekannten „Diesmal ist alles anders“-Zitat schrieb John Templeton, dass sich in 20 Prozent der Fälle die Dinge tatsächlich radikal ändern. Solch ein Paradigmenwechsel begann um die Jahrtausendwende. Die Logik der digitalen Welt hat seither nicht nur in die meisten Branchen Einzug gehalten, sondern bestimmt heute auch die Börsen. Anleger müssen daher lernen, das Spiel komplett neu zu denken.

Gastautor Igor Pejic ist ein mehrfach preisgekrönter Technologie‑ und Finanzautor, Keynote‑Speaker und Banker, dessen Werke wie Blockchain Babel und Big Tech in Finance zu erfolgreichen Fachbüchern avancierten. Zuletzt erschien: Tech Money: A Guide to the New Game of Technology Investing.

Igor Pejic

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Igor Pejic

Gastautor Igor Pejic ist ein mehrfach preisgekrönter Technologie‑ und Finanzautor, Keynote‑Speaker und Banker, dessen Werke wie Blockchain Babel und Big Tech in Finance zu erfolgreichen Fachbüchern avancierten.

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