Gastkommentar

Energie: Geopolitik, KI und die neue Ära der Erneuerbaren

Geopolitik, KI und Elektrifizierung machen Energie wieder zum strategischen Investmentthema. Ein Gastkommentar von Christian W. Röhl, Chief Economist von Scalable Capital.

Veröffentlicht

27.05.2026

Lesezeit

3 min
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Man in a white shirt with glasses, featured in a "Borsianer" guest commentary titled "Christian Röhl, Chief Economist Scalable Capital."
© Scalable
Übersicht Erneuerbare Energien

Chancen

● Energie-Souveränität gewinnt durch geopolitische Krisen an Bedeutung

● steigender Strombedarf durch KI, Rechenzentren und Elektrifizierung

● Netze, Speicher und Infrastruktur werden zu zentralen Stellschrauben

● hohe Öl- und Gaspreise verbessern die Wettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Energien

● breite ETFs können die gesamte Energiewertschöpfungskette abbilden

Risiken

● Steigende Zinsen belasten kapitalintensive Energieprojekte

● Überkapazitäten aus China drücken Preise und Margen, nicht nur in der Photovoltaik

● Netz- und Speicherengpässe bremsen den Ausbau

● Einzelaktien bleiben anfällig für Projektverzögerungen und Qualitätsprobleme

● politische Regulierung und Förderregime können sich rasch ändern

Nach Jahren niedriger Energiepreise ist Energie wieder ein strategischer Faktor. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten und fragile Lieferketten zeigen, wie verwundbar Volkswirtschaften sind, wenn sie bei Öl und Gas von wenigen Lieferanten abhängig bleiben. Steigende Energiepreise treffen nicht nur Autofahrer und Haushalte, sondern wirken tief in die Wirtschaft hinein – über Transportkosten, Industrieproduktion, Chemie, Kunststoffe oder Düngemittel.

Für Anleger bedeutet das: Energieabhängigkeit ist nicht nur ein politisches Risiko, sondern auch ein Depotrisiko. Wer in Unternehmen, Branchen oder Volkswirtschaften investiert, die stark von fossilen Importen abhängig sind, ist indirekt auch geopolitischen Verwerfungen stärker ausgeliefert. Genau deshalb rückt Energie-Souveränität wieder stärker in den Fokus.

KI treibt Stromhunger

Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Strom strukturell. Elektromobilität, Wärmepumpen, Industrieumbau und Digitalisierung erhöhen den Bedarf. Hinzu kommt der Boom der künstlichen Intelligenz. Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur und KI-Anwendungen benötigen enorme Mengen Strom – möglichst verlässlich, günstig und zunehmend CO₂-arm.

Damit entsteht eine neue Energie-Zange: Auf der Angebotsseite sorgen geopolitische Konflikte für Unsicherheit, auf der Nachfrageseite steigt der Strombedarf durch Elektrifizierung und KI. Die naheliegende Antwort lautet: mehr heimische, erneuerbare und diversifizierte Energiequellen. Nicht aus Idealismus, sondern aus wirtschaftlicher Vernunft.

Hohe Öl- und Gaspreise sind dabei die beste Werbung für Erneuerbare. Je teurer fossile Energie wird, desto attraktiver werden Wind- und Solarprojekte, Speicherlösungen und Netzinfrastruktur. Die Energiewende ist deshalb kein kurzfristiger Börsentrend, sondern eine strukturelle Transformation der Weltwirtschaft.

Infrastruktur als Gewinner

Anleger sollten das Thema jedoch nicht zu eng verstehen. Wer an Erneuerbare denkt, denkt oft zuerst an Solarmodule oder Windräder. Die eigentlichen Engpässe liegen aber zunehmend in der Infrastruktur: Stromnetze, Transformatoren, Speicher, Leistungselektronik, Schaltanlagen und Software für Netzsteuerung.

Ohne diese Komponenten bleibt grüner Strom dort stecken, wo er erzeugt wird. Der Umbau zur strombasierten Wirtschaft ist daher auch ein gewaltiges Infrastrukturprogramm. Unternehmen wie Siemens Energy, Schneider Electric, Eaton oder GE Vernova stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Sie verkaufen nicht unbedingt den Strom der Zukunft, liefern aber die Werkzeuge, um ihn nutzbar zu machen.

Gerade Siemens Energy zeigt, wie schnell sich die Wahrnehmung ändern kann. Vor wenigen Jahren belasteten Probleme in der Windtochter Siemens Gamesa die Bilanz. Heute sind Netztechnik, Turbinen und Energieinfrastruktur wieder stark gefragt. Ausgerechnet Bereiche, die lange als wenig glamourös galten, werden nun zu Schlüsseltechnologien für Versorgungssicherheit und Elektrifizierung.

Breit investieren

Trotzdem bleibt das Segment anspruchsvoll. Viele reine Solar- oder Windtitel waren in den vergangenen Jahren sehr volatil. Steigende Zinsen belasten kapitalintensive Projekte, Lieferkettenprobleme verzögern den Ausbau und chinesische Überkapazitäten drücken insbesondere in der Photovoltaik auf Preise und Margen.

Deshalb spricht vieles für einen breiteren Investmentansatz. Erneuerbare Energien sind mehr als ein enges Öko-Segment. Zur Energiewertschöpfungskette zählen auch Versorger, Netzbetreiber, Speicheranbieter, Industrieausrüster und Automatisierungsspezialisten. ETFs können helfen, diese Chancen breiter zu streuen und Einzelwertrisiken zu reduzieren.

Bei Scalable Capital sehen wir, dass Anleger Energieinfrastruktur und Erneuerbare zunehmend strategischer betrachten. Das Thema wandert vom ethischen Nischenthema in Richtung Zukunfts- und Stabilitätsbaustein. Entscheidend ist dabei nicht nur das Etikett „Clean Energy“, sondern die tatsächliche Zusammensetzung eines Produkts.

Die Energiewende wird nicht geradlinig verlaufen. Sie wird von Rückschlägen, politischen Kurswechseln und Marktbereinigungen begleitet sein. Doch der strukturelle Trend bleibt intakt: Die Welt braucht mehr Strom, mehr Netze, mehr Speicher und mehr Effizienz. Für Anleger wird damit weniger die Frage spannend, ob die Energiewende kommt, sondern welche Unternehmen an Netzen, Speichern und Elektrifizierung verdienen.

Christian Röhl

Autor

Christian Röhl

Christian Röhl ist Chefvolkswirt bei Scalable Capital.

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