US-Wahl-Analyse: „Mehr Kontrolle, weniger Überraschungen“
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Herr Brütsch, die Demokraten haben doch deutlicher als erwartet beide Kammern des US-Kongresses gewonnen. Hat Sie das überrascht? Marc Brütsch: Dass die Republikaner verlieren, ist nicht überraschend. Historisch verliert die Partei des Präsidenten bei Midterms häufig Sitze. Etwas überraschend ist vielleicht das Ausmaß. Dennoch bleibt Donald Trump nicht machtlos. Mit seinem Vetorecht kann er weiterhin Einfluss nehmen. Politisch sind wir nun in einer klassischen Lame-Duck-Situation. Gleichzeitig beginnt mit dem heutigen Tag praktisch schon der Präsidentschaftswahlkampf 2028.
Wie bewerten Sie das Ergebnis grundsätzlich? - Für mich ist es zunächst ein Sieg der amerikanischen Demokratie. Noch im Frühjahr wurde teilweise diskutiert, ob die Wahlen überhaupt wie geplant stattfinden würden. Jetzt sehen wir ein klares Bekenntnis zu den demokratischen Institutionen und zu den Checks and Balances. Das ist ein sehr positives Signal.
Die Märkte reagierten zunächst uneinheitlich. Warum? - Die Märkte sind vom Ergebnis nicht besonders überrascht. Anleger sehen grundsätzlich positiv, wenn ein politisches Gegengewicht entsteht. Ein geteilter Machtapparat verhindert oft überzogene fiskalische Programme und sorgt für mehr Berechenbarkeit. Historisch waren Midterms deshalb häufig ein gutes Korrektiv.
Historisch entwickeln sich Aktien nach Midterms oft sehr gut. Warum? - Weil politische Extreme schwieriger durchsetzbar werden. Das gilt unabhängig davon, ob Demokraten oder Republikaner gestärkt werden. Allerdings sollte man historische Analogien nie überstrapazieren. Wenn jemand heute auf 2006 verweist, sollte man nicht vergessen, dass auf diese Midterms die Finanzkrise folgte. Geschichte wiederholt sich nicht automatisch.
Was bedeutet der Machtverlust für Trump und für die radikale Maga-Bewegung? - Sein Handlungsspielraum wird deutlich eingeschränkt. Gleichzeitig beginnt innerhalb der Republikanischen Partei die Diskussion über die Zukunft nach Trump. Die spannende Frage wird sein, ob sich Teile der Maga-Bewegung abschwächen und andere republikanische Kandidaten stärker in Stellung bringen können.
Hoffen europäische Anleger nun zu Recht auf eine Entspannung im Handelskonflikt? - Da wäre ich vorsichtig. Die Handelspolitik gehört zu den Bereichen, in denen Trump weiterhin relativ viel Handlungsspielraum hat. Zudem war auch unter Biden die Linie gegenüber China keineswegs viel weicher. Deshalb erwarte ich hier keine grundlegende Kehrtwende.
Tech-Werte gaben heute nach. Manche erwarten jetzt mehr Regulierung für Big Tech und KI. Sie auch? - Das erwarte ich nicht. Im Gegenteil: Die weitgehend fehlende KI-Regulierung wird inzwischen parteiübergreifend als Wettbewerbsvorteil der USA betrachtet. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Technologiekonzerne politisch neu positionieren und ihre Beziehungen zu den Demokraten intensivieren.
Welche Branchen profitieren von dem Ergebnis? - Da wäre ich vorsichtig. Ich sehe kurzfristig keine eindeutigen Gewinner oder Verlierer. Für die Sektorentwicklung dürften Geldpolitik und Zinsentwicklung wichtiger sein als das Wahlergebnis selbst.

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