Wie stark hängt das BIP noch am Ölpreis?
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Seit den Ölpreisschocks der 1970er-Jahre hat sich die Weltwirtschaft tiefgreifend verändert. Damals genügte ein Preissprung am globalen Ölmarkt, um Industriestaaten in Rezessionen zu stürzen. Öl war ein zentraler Produktionsfaktor, und das Wirtschaftswachstum hing eng an seinem Preis. Doch über fünf Jahrzehnte hat sich diese Abhängigkeit deutlich gelockert – und genau das zeigt sich heute als geopolitischer Vorteil, etwa angesichts des gerade eben eskalierenden Konflikts im Iran.
Zusammenhang zwischen Öl und BIP
Ein verlässlicher Indikator für die Verflechtung von Wirtschaft und Erdöl ist die sogenannte Ölintensität: also wie viel Öl pro Einheit Wirtschaftsleistung benötigt wird. In den frühen 1970er-Jahren war diese Kennzahl auf ihrem Höhepunkt. 1973 benötigte die Welt nahezu ein Barrel Öl, um Güter im Wert von 1.000 US-Dollar zu erzeugen.
Seither hat sich das Bild sehr stark geändert: Bis 2019 sank dieser Wert auf 0,43 Barrel pro 1.000 US-Dollar – ein Rückgang um 56 Prozent. Dieser Trend verlief seit 1984 nahezu linear, wie eine Studie der Columbia University aus dem Jahr 2021 zeigt.
Parallel dazu hat sich auch die Energieelastizität gegenüber dem BIP verändert – also die Frage, wie stark Wirtschaftswachstum zusätzlichen Energieverbrauch erfordert. Vor der ersten Ölkrise lag dieser Wert bei fast 1; Wirtschaft und Energieverbrauch wuchsen praktisch im Gleichschritt. Doch nach den Preisexplosionen von 1974 bis 1985 fiel die Elastizität dauerhaft auf etwa 0,6 und blieb seit Ende der 1980er-Jahre stabil.
Die Botschaft ist klar: Die Weltwirtschaft ist heute energieeffizienter, diversifizierter und deutlich weniger ölabhängig als früher. Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA von DWS International, erklärte unlängst am Fondskongress in Wien, dass heute rund 7 Prozent des weltweiten BIP direkt am Öl hängen – das ist eine Halbierung in den vergangenen 45 Jahren.
Öl verliert an Wichtigkeit
Studien, die den Zeitraum von 1970 bis 2019 abdecken, zeigen, dass der makroökonomische Einfluss von Öl in den meisten entwickelten Volkswirtschaften kontinuierlich gesunken ist. Die Gründe reichen von technologischen Fortschritten über Effizienzsteigerungen bis hin zu alternativen Energien und strengerem Klimaschutz. Dennoch bleibt Öl global ein relevanter Faktor – vor allem in Schwellenländern.
Früher waren die Folgen klar: Ölpreisanstiege korrelierten in den 1970er- und 1980er-Jahren in den meisten Industriestaaten deutlich negativ mit dem Wachstum. Versorgungsausfälle oder Blockaden der Straße von Hormus hätten die Weltwirtschaft erschüttert. Heute wirken gleiche Preisschocks deutlich gedämpfter – weil Öl in vielen Sektoren ersetzt wurde oder nur noch indirekt eine Rolle spielt.
Dekarbonisierung als Risikopuffer
Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien im Strommix, dem Umstieg auf Elektromobilität und effizienteren Industrieprozessen sinkt die Verwundbarkeit gegenüber Preissprüngen am Ölmarkt. Dieser strukturelle Wandel wirkt wie ein wirtschaftlicher Stoßdämpfer, wenn geopolitische Konflikte auftreten. Für Österreich ist diese Entwicklung besonders relevant. Das Land verfügt mit 80 Prozent über einen sehr hohen Anteil erneuerbarer Energien im Strommix. Der gesamte Energiebedarf wurde 2024 zu 43 Prozent aus Erneuerbaren gedeckt, 2005 waren es nur 24 Prozent - Österreich ist dadurch wesentlich weniger abhängig vom Ölpreis als viele andere europäische Volkswirtschaften. Hält Österreich am eingeschlagenen Energie- und Klimaplan fest, wird der Anteil der Selbstversorgung mit Erneuerbaren 2030 auf 57 Prozent steigen.
Dekarbonisierung ist damit nicht nur eine klimapolitische Notwendigkeit, sondern zunehmend auch ein Sicherheits- und Stabilitätsfaktor für moderne Volkswirtschaften. Je weniger Öl pro Einheit BIP benötigt wird, desto geringer ist die Hebelwirkung geopolitischer Krisen auf Inflation, Industrieproduktion und Wohlstand.

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