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Der Kampf um ­Europas ­Banken hat begonnen

Die Übernahmeschlacht um die Commerzbank markiert eine Zeitenwende im europäischen Bankensektor. ­Während deutsche Politiker den Verlust einer nationalen Institution fürchten, bauen Österreichs Banken ihre Macht in Mittel- und Osteuropa aus. Die Frage ist nur: Entstehen daraus europäische Cham­pions oder bloß größere Banken in einem zersplitterten Markt?

Veröffentlicht

07.07.2026

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6 min
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© Commerzbank AG

Frankfurt, Mittwoch, 11. September 2024, kurz nach acht Uhr morgens: In den Türmen der Commerzbank beginnt ein Arbeitstag wie jeder andere. Händler fahren ihre Systeme hoch. Firmenkundenbetreuer prüfen Termine. Vorstände bereiten Sitzungen vor. Über den Bildschirmen flimmern die ersten Kurse des Tages. Doch tatsächlich ist an diesem Morgen nichts mehr wie zuvor. Über Nacht hat die italienische Unicredit das Aktienpaket übernommen, das der Bund verkaufen wollte, und sich gleichzeitig weitere Anteile am Markt gesichert. Mit einem Schlag sind die Italiener größter privater Aktionär der deutschen Commerzbank. In Frankfurt und Berlin dämmert vielen, was das bedeutet. Die Commerzbank ist plötzlich kein selbstverständlicher Teil der deutschen Bankenlandschaft mehr. Sie ist ein Übernahmeziel.

Was wie ein deutsch-italienischer Wirtschaftskrimi aussieht, ist in Wahrheit Teil einer viel größeren Geschichte. Es geht um die Zukunft des europäischen Bankensektors. Es geht um die Frage, ob Europa endlich jene grenzüberschreitenden Finanzinstitute hervorbringt, von denen Politiker, Aufseher und Bankmanager seit Jahren sprechen. Und es geht um eine überraschende Entwicklung: Während Deutschland um die Eigenständigkeit einer seiner letzten großen Privatbanken kämpft, gehören österreichische Banken gerade zu den aktivsten Käufern Europas.

Die Rückkehr der Übernehmer

Lange Zeit war Europas Bankensektor vor allem mit sich selbst beschäftigt: Finanzkrise. Eurokrise. Nullzinsen. Regulierung. Über Jahre hinweg verdienten viele Institute kaum ihre Kapitalkosten. Filialen wurden geschlossen, Stellen abgebaut, Geschäftsmodelle infrage gestellt. Wachstum war kein Thema, überleben schon. Heute hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Die Zinswende hat die Erträge vieler Banken kräftig steigen lassen. Die Kapitalausstattung ist so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Europäische Großbanken schütten Milliarden über Dividenden und Aktienrückkäufe an ihre Aktionäre aus. Wer Kapital in dieser Größenordnung zurückgeben kann, hat offensichtlich kein Problem mit zu wenig Geld. Im Gegenteil. Und volle Kassen schüren die Fantasie, und sie erhöhen den Druck, mit dem Geld der Aktionäre etwas Sinnvolleres anzustellen, als Aktien zurückzukaufen: Man könnte sich doch etwas Neues leisten. Prompt erleben Europas Banken derzeit eine Übernahmewelle.

Österreich kauft zu

Besonders sichtbar wird das in Wien. Die Erste Group Bank AG kündigte im Frühjahr die Übernahme von 49 Prozent der Santander Bank Polska an. Der Kaufpreis von rund 6,8 Milliarden Euro macht die Transaktion zur größten grenzüberschreitenden Bankenübernahme Europas seit vielen Jahren – jedenfalls solange der Commerzbank-Deal nicht endgültig steht. Für Erste-Group-Chef Peter Bosek ist der Schritt weit mehr als eine geografische Erweiterung. Polen ist die größte Volkswirtschaft Mittel- und Osteuropas, wächst seit Jahren schneller als viele Länder Westeuropas und gilt als einer der profitabelsten Bankenmärkte des Kontinents. Bosek spricht von einem „besonderen und sehr erfolgreichen Jahr“ und bezeichnet Polen als einen der attraktivsten Wachstumsmärkte Europas.

Die Logik dahinter ist offensichtlich: Während die großen Volkswirtschaften Westeuropas stagnieren, entstehen die Wachstumschancen für viele Banken inzwischen östlich von Wien. Auch die Raiffeisen Bank International AG (RBI) folgt diesem Muster. Im Frühjahr vereinbarte sie die Übernahme der rumänischen Garanti Bank. Rumänien gehört seit Jahren zu den dynamischsten Märkten Südosteuropas. Nach Abschluss der Transaktion wird die RBI dort zu den größten Banken des Landes gehören. Die RBI stemmt den Deal mit Leichtigkeit. Die harte Kernkapitalquote lag Ende 2025 ohne das Russlandgeschäft bei komfortablen 15,5 Prozent. Durch die Übernahme sinkt sie nach Angaben der Bank lediglich um 0,6 Prozentpunkte. Solche Zahlen erklären die neue Übernahmelust vieler europäischer Institute. Die Frage lautet für viele nicht mehr, ob sie zukaufen können. Die Frage lautet, wo sie wachsen wollen.

Inzwischen kommen sich die Käufer sogar gegenseitig in die Quere. So wie bei der Addiko Bank AG. Auf den ersten Blick erscheint das Geldhaus vergleichsweise klein. Doch Addiko besitzt etwas, das in Europa wertvoll ist.
Zitiert im Text

Inzwischen kommen sich die Käufer sogar gegenseitig in die Quere. So wie bei der Addiko Bank AG. Auf den ersten Blick erscheint das Geldhaus vergleichsweise klein. Doch Addiko besitzt etwas, das in Europa wertvoll ist: Präsenz in mehreren Märkten Südosteuropas gleichzeitig. Deshalb kämpfen seit Monaten unterschiedliche Interessenten um die Kontrolle. Die slowenische NLB und die RBI lieferten sich zeitweise einen regelrechten Bieterwettstreit. Dabei geht es nicht um Größe, es geht um Landkarten: Wer Addiko kontrolliert, erhält Zugang zu Märkten wie Kroatien, Slowenien, Ser­bien, Bosnien und Herzegowina sowie Montenegro. In vielen dieser Länder wachsen Kreditvolumina und Bankgeschäfte schneller als in Westeuropa.

Größere Banken als Allheilmittel?

Und dann gibt es noch die Bawag Group AG. Während andere Banken nationale Champions oder regionale Marktführer bauen wollen, verfolgt CEO Anas Abuzaakouk seit Jahren eine andere Strategie. Die Bawag kauft keine politischen Prestigeobjekte oder regionale Champions. Sie kauft profitable Plattformen. Mit Übernahmen wie Knab in den Niederlanden oder der Barclays Consumer Bank Europe hat sich das Institut weit über Österreich hinaus entwickelt. Abuzaakouk bezeichnete 2025 als ein „transformierendes Jahr“, das die Grundlage für eine paneuropäische und amerikanische Bankengruppe gelegt habe. Der Erfolg gibt ihm recht. Die Bawag erzielte zuletzt einen Rekordgewinn von rund 860 Millionen Euro und verfügt über hohe Liquiditätsreserven. Die offenbar munter laufende Konsolidierungswelle folgt einer Idee, die in Brüssel, Frankfurt, Wien und vielen Vorstandsetagen seit Jahren populär ist. Europa brauche größere Banken, heißt sie. Andrea Orcel, der Chef der Unicredit, gehört zu den prominentesten Verfechtern dieser These. Europa brauche Institute, die groß genug seien, um mit US-amerikanischen Wettbewerbern wie JP Morgan Chase, Bank of America oder Citigroup mitzuhalten, sagt er. Die Argumentation klingt plausibel. JP Morgan zum Beispiel verwaltet Vermögenswerte von mehr als vier Billionen US-Dollar. Dagegen wirken selbst Europas größte Banken wie der Schlossberg in Graz neben dem Großglockner.

Europas Irrtum

Doch die europäische Debatte, wie Orcel sie führt, geht von einer falschen Annahme aus. Sie unterstellt, dass Europa vor allem und als Erstes größere Banken braucht. Tatsächlich fehlt Europa etwas anderes: ein echter gemeinsamer Bankenmarkt. Die deutsche Wirtschafts­ministerin Katherina Reiche brachte es bei einem Vortrag am Management Center Innsbruck am Tag des Börsengangs von SpaceX Mitte Juni 2026 folgendermaßen auf den Punkt: So ein IPO wäre in Europa nicht möglich, weil der Kapitalmarkt viel zu zersplittert ist.

Eine italienische und eine deutsche Bank werden nicht automatisch effizienter, nur weil sie denselben Eigentümer haben. Die erhofften Syner­gien grenzüberschreitender Fusionen erweisen sich in der Praxis häufig als begrenzt. Einlagen bleiben national organisiert. Insolvenzrechte unterscheiden sich von Land zu Land. Steuerregeln, Verbraucherschutz und Arbeitsrecht ebenfalls. Selbst die IT-Systeme großer Banken lassen sich oft nur mit enormem Aufwand zusammenführen. Die Folge: Viele grenzüberschreitende Fusionen erzeugen deutlich weniger Synergien als nationale Zusammenschlüsse.

Die Vereinigten Staaten verfügen nicht deshalb über starke Banken, weil ihre Banken groß sind, sondern umgekehrt: Die Banken sind groß, weil der US-amerikanische Kapitalmarkt integriert ist.
Zitiert im Text

Deshalb sprechen Analysten wie Jean Pierre Mustier vom europäischen Systemic Risk Centre inzwischen von einer strukturellen Illusion. Europa versuche, durch Bankenfusionen etwas zu erreichen, was eigentlich nur durch einen echten Binnenmarkt möglich wäre. Die Vereinigten Staaten verfügen nicht deshalb über starke Banken, weil ihre Banken groß sind, sondern umgekehrt: Die Banken sind groß, weil der US-amerikanische Kapitalmarkt integriert ist. Liquidität kann frei fließen. Einlagen werden national abgesichert. Die Regulierung ist weitgehend einheitlich. Pensionsfonds, Kapitalmärkte und institutionelle Investoren stellen gewaltige Finanzierungsmöglichkeiten bereit. Europa besitzt all das nur teilweise. Deshalb lösen größere Banken nicht automatisch Europas Wettbewerbsproblem.

Der Fall Commerzbank

Damit zurück nach Frankfurt: Der Übernahmekampf um die Commerzbank ist deshalb emotional so aufgeladen, weil er diesen Widerspruch sichtbar macht. Andrea Orcel sieht einen Baustein für einen europäischen Champion. Die Commerzbank sieht die Gefahr einer Übernahme ohne überzeugende industrielle Logik. Die deutsche Politik fürchtet den Verlust eines wichtigen Finanzierungspartners für Mittelstand und Exportwirtschaft. Und die Aufseher begrüßen grundsätzlich mehr Integration, wissen aber gleichzeitig, dass Europa bis heute kein wirklich integrierter Bankenmarkt ist.

Für Österreichs Banken läuft es umgekehrt, aber das Problem ist dasselbe: Sie steigen derzeit auf. Sie kaufen zu, expandieren und nutzen die Wachstumschancen Mittel- und Osteuropas. Doch weder die Käufer noch die Übernahmeziele lösen Europas grundlegendes Problem. Es besteht nicht in zu kleinen Banken. Es liegt an zu kleinen Kapitalmärkten, zu vielen nationalen Grenzen und zu wenig wirtschaftlicher Integration. Solange dieses Thema nicht gelöst ist, bleibt Europas große Bankenwette sowohl aus Berliner als auch aus Wiener Perspektive genau das: eine Wette. —

Oliver Stock

Autor

Oliver Stock

Korrespondent Deutschland

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