Ungarn im Aufbruch: Der Magyar-Effekt
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April 2026, Budapest feiert das Ende einer Ära. Nach 16 Jahren Viktor Orban herrscht in der Wahlnacht Aufbruchsstimmung auf den Straßen. Peter Magyars Tisza-Partei gewinnt mit Zweidrittelmehrheit, Orban gesteht seine Niederlage ein. Reuters beschreibt die Hauptstadt am Morgen danach als „Party-Zone“. Und während die politische Zeitenwende noch gefeiert wird, beginnen die Finanzmärkte bereits, eine neue Zukunft für Ungarn zu zeichnen.
Der Magyar-Effekt lässt sich ziemlich genau beziffern. Schon vor der Wahl hatten Investoren auf einen Machtwechsel gesetzt: Der Forint erreichte in der Woche vor dem Urnengang den höchsten Stand seit 2023, Aktien und Anleihen legten zu. Nach dem Wahlsieg beschleunigte sich die Bewegung noch einmal. Allein am ersten Handelstag wertete der Forint gegenüber dem Euro um knapp drei Prozent auf, und der Budapester Börsen-Leitindex BUX sprang auf ein Rekordhoch.
Österreichische Profiteure
Freuen über die neuen Zeiten können sich auch heimische Finanzkonzerne. Erste Group Bank AG, Raiffeisen Bank International AG (RBI), Oberbank AG sowie die Versicherer Vienna Insurance Group AG (VIG) oder Uniqa Insurance Group AG sind seit Jahren in Ungarn präsent. Besonders eindrucksvoll zeigt sich die jüngste Dynamik bei der Erste Group, die im ungarischen Wahlkampf noch Zielscheibe der Orban-Regierung war und sogar mit dem Lizenzentzug bedroht wurde. Das Kreditvolumen der Bank in Ungarn ist seit Jahresbeginn um 19,2 Prozent gewachsen. Kein anderer Markt der Gruppe kommt auch nur annähernd auf diese positive Entwicklung: Tschechien folgt mit fünf Prozent, Österreich kommt auf 3,7 Prozent. „Ungarn hat eine lange Tradition erfolgreicher Unternehmer und Gründer. Gleichzeitig hat sich die wirtschaftliche Situation in den vergangenen zwölf Monaten sehr gut entwickelt“, beschreibt Erste-Group-CEO Peter Bosek bei der jüngsten Bilanzpräsentation die Situation. Eine gute Zeit, um das Engagement beim Nachbarn auszubauen? Bosek rechnet nicht damit, dass sich hinsichtlich möglicher Übernahmekandidaten kurzfristig Opportunitäten auftun. Man bleibt in der Beobachterrolle.
Auch die RBI als zweitgrößter österreichischer Player in Ungarn registriert den Umschwung. „Wir können bereits eine Verschiebung bei den Stimmungsindikatoren und Indizes beobachten, wobei sich sowohl auf Unternehmens- als auch auf Haushaltsebene positivere Erwartungen abzeichnen. Die konkreten Auswirkungen dieses gestiegenen Vertrauens liegen jedoch noch vor uns“, so György Zolnai, CEO der Raiffeisen Bank Hungary. Vorsicht sei zudem bei der starken Nachfrage nach Privat- und Hypothekarkrediten geboten. Denn diese sei nicht nur auf die gute Investmentlaune, sondern auch auf ein staatlich subventioniertes Hypothekenprogramm zurückzuführen, das noch aus der Orban-Zeit stammt. Ob diese Entwicklung von Dauer ist, werden wir erst gegen Ende dieses Jahres und Anfang 2027 klar sehen, meint Zolnai.
Vorsichtiger Optimismus
Eine positive Stimmung kommt auch bei VIG-Chef Hartwig Löger auf, der in der „Änderung auf der politischen Basis einen wirtschaftlich positiven Ansatz sieht“, wie er dem Börsianer erzählt. Wachstumspotenzial sei vorhanden, aber einen fundamentalen wirtschaftlichen Neustart will er noch nicht ausrufen: „Die Substanzbasis in Ungarn ist nicht von heute auf morgen eine andere.“ Sichtbar sei zunächst vor allem eine positive Erwartungshaltung. Doch können die realwirtschaftlichen Fakten die gute Stimmung inzwischen bestätigen?
Philipp Schramel kennt Ungarn und die dortige Wirtschaftslandschaft aus erster Hand. Als Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) in Ungarn ist er im regelmäßigen Austausch mit österreichischen Unternehmen, die im Nachbarland eine Niederlassung haben. Auf dem Linkedin-Account „Advantage Austria Hungary“ kann auch die interessierte Öffentlichkeit nachlesen, welche heimischen Betriebe in Ungarn erfolgreich tätig sind. Bekannte Namen wie Rauch Fruchtsäfte und der Baustoffhersteller Doka sind ebenso darunter wie der Anlagenbauer Binder und der Autozulieferer Melecs EWS. „Die Unternehmen sind noch vorsichtig optimistisch bis abwartend und hoffen auf eine planbare Wirtschaftspolitik der neuen Regierung“, erklärt Schramel gegenüber dem Börsianer. Ein stichprobenartiger Rundruf bei einigen Headquarters zeichnet ein ähnliches Bild. Noch sei es zu früh, um die Regierungsarbeit unter Peter Magyar zu beurteilen, zumal ein detailliertes Wirtschaftsprogramm noch aussteht. „Die Regierung muss das immense Haushaltsdefizit in den Griff bekommen. Wenn das Budget für 2027 vorliegt, ist eine erste Bilanz sinnvoll“, sagt Schramel.
Wann fließen die Milliarden?
Als sichtbaren Erfolg können der Ministerpräsident und sein Infrastrukturminister David Vitezy die Mobilisierung von 16,4 Milliarden Euro an EU-Beihilfen für sich verbuchen. Diese wurden aufgrund zahlreicher EU-Vertragsverstöße der Orban-Regierung bislang auf Eis gelegt. Nach einer Einigung mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Mai konnten Ende August die Voraussetzungen für ein Fließen der ersten Gelder erfüllt werden. Einige Mittel sind noch offen (Seite 30). Mit den Geldern sollen in erster Linie die Bereiche Bildung, Gesundheit, Energiewende und öffentlicher Verkehr modernisiert werden. Bei der Energiewende und im Verkehrsbereich dürfen jedenfalls auch österreichische Unternehmen auf Aufträge hoffen.
Gleichzeitig dürfte Magyar wirtschaftspolitisch nicht alles auf den Kopf stellen. Vor allem der von Orban massiv geförderte Automotive-Sektor soll ein Zugpferd bleiben. So hat Mercedes seine Kapazitäten verdoppelt, BMW die Produktion im neuen Werk in Debrecen aufgenommen, und BYD fährt sein erstes europäisches Pkw-Werk in Szeged hoch. Die Industrieproduktion wuchs dadurch im Juli mit beachtlichen 4,7 Prozent. „Nach ersten Gesprächen mit Regierungsvertretern denke ich nicht, dass diese Standortpolitik geändert wird“, sagt Schramel. Er rechnet allerdings damit, dass Förderungen künftig zielgerichteter vergeben und Umweltstandards strenger kontrolliert werden.
Das schwere Erbe Orbans
Trotz einiger positiver Indikatoren ist Ungarn von einem Wirtschaftswunder noch weit entfernt. Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) zeichnet von den letzten Orban-Jahren ein ernüchterndes Bild. Seit Mitte 2022 stagnierte die Wirtschaft weitgehend, 2025 wuchs das BIP nur um 0,5 Prozent. Anfang 2026 lagen sowohl die Bruttoanlageinvestitionen als auch die Industrieproduktion ungefähr auf dem Niveau von 2019. Gleichzeitig sanken die Netto-EU-Transfers von früher rund 3,5 Prozent des BIPs oder mehr auf etwa 1,5 Prozent. Als strukturelle Ursachen nennt das WIIW Rechtsunsicherheit, Zentralisierung, Korruption, fehlende Investitionen in Humankapital und den Konflikt mit der EU.
Vor allem aber übernimmt Magyar von seinem Vorgänger das bereits angesprochene Budgetdefizit. Die Staatsschulden lagen zwar 2025 bei relativ moderaten 75 Prozent des BIPs. Aber für 2026 wird ein Defizit von 5,5 Prozent erwartet – der letzte EU-Forecast geht von einem durchschnittlichen Defizit von 3,5 unter den 27 Mitgliedsstaaten aus. „Orban hat mit seinen ganzen Wahlzuckerln Ungarn fiskalisch in Bedrängnis gebracht“, sagt WIIW-Direktor Mario Holzner. Ratingagenturen und Investoren würden deshalb derzeit besonders genau auf das Land schauen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass Ungarn mit dem Forint außerhalb des „ultimativen Eurozonen-Schutzschildes“ steht und damit bei größeren Verwerfungen an den Finanzmärkten verwundbarer bleibt. Nicht umsonst will die neue Regierung bis zum Ende ihrer Legislaturperiode 2030 das Land fit für den Euro machen.
Pikant dabei: Ausgerechnet Orbans Wahlgeschenke, also Transfers, Steuerbefreiungen und vergünstigte Kredite, stützen derzeit noch die Konjunktur. Im zweiten Quartal wuchs das BIP um überraschend kräftige 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wesentlich getragen vom privaten und öffentlichen Konsum. Die geerbte fiskalische Situation bleibt dennoch eine Hypothek. Auch Orbans Standortpolitik mit Schwerpunkt Autoindustrie sieht Holzner kritisch. Bei der wirtschaftlichen Transformation habe das dem Land geschadet, denn gerade bei Start-ups und der digitalen Wirtschaft habe Ungarn Nachholbedarf. Anders als in Teilen des Westbalkans, etwa in Serbien, oder in Ländern wie Estland und Kroatien habe sich in Ungarn keine dynamischere Technologieszene entwickelt. Hinzu kommt der Braindrain der letzten Jahre: Viele junge und gutausgebildete Ungarn wanderten aus – und werden nicht automatisch zurückkehren. „Was jetzt passieren muss, ist eine schrittweise Transformation in Richtung Mehrinvestitionen in digitale Technologien und in Automatisierung“, sagt Holzner.
Die Milliardenfrage
Ob der Magyar-Effekt tatsächlich einen dauerhaften Aufschwung bringt, hängt letztlich davon ab, welche Wirkung die EU-Förderungen entfalten. Für WIIW-Direktor Holzner ist das „der größte Faktor“. In einzelnen Jahren entsprachen die Transfers bis zu fünf Prozent der ungarischen Wirtschaftsleistung – Milliarden, die während der letzten Orban-Jahre fehlten und nun wieder Investitionen anschieben können. Das ändere auch die Kalkulation privater Investoren im Sinne von: „Hier wird sich etwas zum Besseren bewegen, hier ergibt es für mich auch Sinn zu investieren.“
Das wichtigste politische Asset der Tisza-Regierung ist und bleibt die Verfassungsmehrheit im Parlament. Mit dieser kann sie die nötigen Steuer- und Sozialreformen ohne großen Widerstand umsetzen, vorausgesetzt Peter Magyar schafft es, seine bisherigen Unterstützer in den Städten und Dörfern auf die Reise mitzunehmen. Gänzlich offen ist noch, wie ein neues, faires Wahlrecht in Zukunft aussehen soll oder ob die versprochene Begrenzung von Amtszeiten – also auch jener von Magyar selbst – tatsächlich eingeführt wird. Der ungarische Ökonom Tamas Mellar sieht hier für das teilweise noch unerfahrene Regierungsteam eine historische Aufgabe: „Sie haben jetzt die Chance, die nötigen Reformen umzusetzen, auch wenn dadurch die Beliebtheitswerte sinken. Es muss Schluss sein mit populistischen Versprechen und dem Ignorieren der Realität, wie es die Regierungen bisher gemacht haben.“

Autor 1
Chefredaktion

Autor 2
Finanzjournalist
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