So lockt Wien Kryptoplayer aus aller Welt an
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Während auf dem Rasen der Münchner Allianz-Arena Konrad Laimer oder Jamal Musiala für den FC Bayern auflaufen und in TV Spots den „FC Bayern unter den Kryptobrokern“ preisen, setzt Bitpanda längst zu seinem eigenen Sprint an. Mit einem ganzen Arsenal an Sporttestimonials – wie Tennisstar Stan Wawrinka oder eben den Fußballern von Bayern, AC Milan oder Paris Saint-Germain – hat das Wiener Unternehmen die Logik verstanden, nach der moderne Marken Geschwindigkeit aufnehmen: Sichtbarkeit.
Man kennt die Geschichte des einst hoch aufgestiegenen Asset-Managers Superfund – doch der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit steht bei Bitpanda zumindest derzeit nicht am Horizont. Demnächst ist ein IPO geplant, natürlich in Frankfurt, weil der Finanzplatz Wien zu klein scheint. Doch die Bundeshauptstadt kann trotzdem von ihrem Krypto Unicorn profitieren – zumindest wenn man die Ansiedelung internationaler Krypto-Broker als Erfolg für den Finanzstandort verbucht.
Plötzlich „Krypto-Hub“
Mehrere internationale Krypto-Plattformen wie die aus Hongkong stammende Krypto-Börse KuCoin, die in Singapur gegründete Bybit oder andere große Anbieter kürten zuletzt Wien zu ihrem Europasitz. In diversen Medienberichten – von „Der Standard“ bis zum ORF – wird Wien bereits als europäischer Krypto-Hub gepriesen. Zu Recht? Fakt ist: Wien hat nicht nur das Potenzial, sondern ist bereits heute ein bedeutender Knotenpunkt für die europäische Krypto- und Fintech-Industrie. Um den Platzhirschen Bitpanda hat sich ein vitales Ökosystem aus Start-ups und Fachexperten gebildet. Für deren Know-how sorgen nicht nur die Universitäten und Fachhochschulen, sondern der weltweit anerkannte Software-Park in Hagenberg.
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Zudem profitiert der Standort Österreich von der europaweiten Lizenzierung. Seit Ende 2024 ist die EU-Verordnung namens Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCAR) in Kraft. Krypto-Dienstleister können eine Lizenz bei den nationalen Aufsichtsbehörden beantragen. Wer von diesen eine MiCAR-Lizenz erhält, darf auch in den anderen EU-Ländern seine Dienste anbieten, das heißt dann Passporting.
Streng, aber fair
Obwohl MiCAR-Lizenzen europaweit nach dem gleichen Standard erteilt werden, schaut die Realität anders aus. In einer gemeinsamen Stellungnahme mit der französischen und der italienischen Aufsicht kritisiert die FMA andere EU-Behörden, MiCAR zu lax und uneinheitlich auszulegen, was zu Wettbewerbsverzerrungen führe. Eine zu schwache Aufsicht in einzelnen Ländern würde zu Risiken für Anleger und die Marktstabilität führen. Doch wieso wollen sich Krypto-Unternehmen freiwillig streng regulieren lassen?
„Wien hat nicht nur die Kombination aus der zentralen Lage und hohen Lebensqualität, die internationale Talente anzieht, sowie dem stabilen rechtlichen und politischen Umfeld, sondern auch eine strenge, aber faire Aufsicht. Das ist kein Hindernis, sondern der größte Wettbewerbsvorteil, da sie als Qualitätsfilter für seriöse Unternehmen agiert“, sagt Bitpanda-CEO Lukas Enzersdorfer auf Börsianer-Anfrage.
Am Sitz der FMA auf dem Wiener Otto-Wagner-Platz vis-à-vis der altehrwürdigen Oesterreichischen Nationalbank kümmert sich derzeit ein achtköpfiges Team speziell um die MiCAR-Lizenzen. Manche von ihnen tragen Jeans und Flanellhemden anstatt Anzug und Krawatte. Ihr Leiter, Stefan Tomanek, war davor für das US-amerikanische Unternehmen Kraken in Irland tätig. Der Vorteil: Man kennt die Szene, kennt deren Wünsche und Probleme und spricht eine gemeinsame Sprache. Wer in Wien für eine europaweit gültige Lizenz ansucht, muss sich zunächst einem Vorverfahren stellen, das je nach Sachlage bis zu einem halben Jahr dauern kann. Dabei wird die Compliance-Historie geprüft, etwa Strafen in anderen Ländern weltweit. Nicht wenige Bewerber scheiden bereits hier aus, erklärt Ralph Rirsch, stellvertretender Teamleiter der Aufsicht über Finanzinnovationen. Erst dann startet der formale Antrag, der mehr als 400 Seiten umfasst. Anders als in manchen anderen EU-Staaten fordert die heimische Aufsicht vom Management-Board auch Fit-&-Proper-Tests, mit denen die fachliche Eignung auf Herz und Nieren geprüft wird. Für manche eine Hürde, die den Abschluss des Verfahrens verzögert oder bei verfehlten Tests zu einem Wechsel im Management führt.
Lobbying für Wien
Die Expertise der FMA, die sich nun als Standortvorteil erweist, habe nicht zuletzt mit der Vorreiterrolle von Bitpanda zu tun, sagt Walter Mösenbacher, Geschäftsführer der Digital Asset Association Austria (DAAA): „Die Krypto-Branche in Österreich war von Anfang an von Kooperation geprägt, auch was die Zusammenarbeit mit der FMA betrifft. Sowohl Bitpanda als auch der Regulator haben über die Jahre voneinander gelernt.“ Dass Österreich die Chance der neuen europäischen Krypto-Regulierung so gut nutzen konnte, sei auch ein Verdienst von Martin Hanzl, Head of Tech bei EY Law in Wien: „Entscheidend war, dass Martin Hanzl den CEO von Bybit, Ben Zhou, nach Wien eingeladen hat. Hanzl hat auch einen Termin mit der FMA vereinbart, und Zhou hat sich von den Experten dort gleich verstanden gefühlt.“ Punkten konnte die FMA außerdem mit der Verfahrensdauer von weniger als einem Jahr. Andere Regulatoren in Europa hatten einen Rückstau an Anträgen und Wartezeiten von bis zu zwei Jahren. „Unser Glück war auch, dass Großbritannien und die Schweiz nicht in der EU sind. Damit sind diese Standorte als Europa-Headquarter weggefallen“, erklärt Mösenbacher.
Inzwischen ist er so etwas wie eine Anlaufstelle für ausländische Krypto-Unternehmen, die in Wien Fuß fassen wollen und eine MiCAR-Lizenz anstreben. Vor allem aus Ostasien sei das Interesse am Standort Österreich groß, so der Branchenvertreter. Nach Bybit und KuCoin könnte Bitget aus Hongkong oder BingX der nächste globale Krypto-Anbieter sein, der sich hierzulande die Eintrittskarte für den EU-Markt holt. Zu den derzeit acht Kryptofirmen – vier in Wien und vier in anderen Bundesländern –, die derzeit in Österreich lizenziert sind, werden sich also in absehbarer Zeit einige dazugesellen. Wie man aus der Branche hört, dürften etwa zehn Anträge auf eine Lizenz in der Pipeline der FMA sein – darum wird das Team der Aufsicht derzeit aufgestockt. Von Bitget weiß man jedenfalls, dass der Wiener Anwalt und frühere Bitpanda-Berater Oliver Stauber als Europa-CEO angeworben wurde. Zuvor hat er noch in der gleichen Position bei KuCoin die MiCAR-Lizenzierung auf Schiene gebracht.
Sein dortiger Vorstandskollege Christian Niedermüller erklärt im Gespräch mit dem Börsianer, dass Headhunter derzeit sehr aggressiv anwerben, nicht nur auf Managementebene: „Bei unseren Mitarbeitern, jenen von Bitpanda und den anderen, klingeln die Telefone!“ Diese Fluktuation führt zu Turbulenzen. So musste KuCoin sein Neugeschäft einstellen, weil die Position des Geldwäschebeauftragten vakant wurde. Eine Lösung soll zeitnah gefunden werden. Wenig spricht dafür, dass sich die Personalsituation entspannt. Bybit wie auch KuCoin kündigten an, in Wien bis zu 100 Mitarbeiter anzustellen – und neue Player drängen nach Wien. Man kann sich also in etwa ausrechnen, wie gefragt einschlägige Fachleute derzeit sind. Insider wissen zudem, dass so gut wie alle Krypto-Player derzeit Bedarf an Gesprächen mit der Aufsicht haben – das schnelle Kundenwachstum überfordert oft die Unternehmensstrukturen.
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Bezahl-Revolution als Chance
Während die neue Assetklasse der Krypto-Währungen derzeit noch ein Nischenthema ist, hat sich selbst im bargeldfreundlichen Österreich eine Mehrheit mit dem digitalen Zahlungsverkehr angefreundet. Doch auch hier sorgt die Blockchain für den größten technologischen Umbruch, den es seit der Digitalisierung gegeben hat. Einerseits durch sogenannte Stablecoins, die Kryptowährungen sind, deren Wert aber an eine Zentralbankwährung wie etwa Euro oder US-Dollar gekoppelt sind. Sie eigenen sich damit besser als Zahlungsmittel als der volatile Bitcoin. Andererseits durch digitales Geld, das die Zentralbanken selbst herausgeben, wie den digitalen Yuan oder den im Aufbau befindlichen digitalen Euro der EZB. Das europäische Banken-Konsortium Qivalis, dem auch die RBI und die Unicredit Bank Austria angehören, will bald einen Euro-Stablecoin auf den Markt bringen. Die European Payments Initiative macht mit dem Bezahlsystem Wero dagegen dem US-Anbieter Paypal Konkurrenz. Neben den geringeren Transaktionskosten steht bei diesen Projekten die Unabhängigkeit von US-Dienstleistern mehr denn je im Fokus – vor allem seit mit Donald Trump das Imperium der Unsicherheit in die US-Politik zurückgekehrt ist. In Österreich geht es dabei um ein digitales Transaktionsvolumen von 450 Milliarden Euro pro Jahr.
Von dieser Revolution können in Zukunft viele heimische Start-ups und etablierte Dienstleister profitieren, sind sich Brancheninsider sicher. Einer von ihnen ist Martin Sprengseis-Kogler, dessen Hightech-Firma Bluesource Banking-Lösungen und Kundenbindungsprogramme für den Handel baut und betreibt. „Der nächste Schritt wäre, die gesamten Kundenbindungssysteme im Hintergrund auf der Blockchain abzubilden und damit aber auch Transaktionen aus dem klassischen Finanzsektor herauszunehmen“, erklärt Sprengseis-Kogler. „Damit gewinnt der Händler die Möglichkeit, enorm an Wertschöpfung im Payment-Sektor zu partizipieren.“
Als Mitgründer des Branchenverbands P19 kann Sprengseis-Kogler auch viele andere Sparten nennen, die von der Blockchain profitieren: „Die Wertschöpfung entsteht dabei vor allem bei Fintechs, die Stablecoins in bestehende Payment-Prozesse integrieren. Zudem profitieren in Österreich stark etablierte Branchen, die sich früh spezialisiert haben, wie Anwaltskanzleien, Regulatory-Compliance-Anbieter und Unternehmensberater.“ Damit es auch bei der Zahlungsinfrastruktur gelingt, den Standort Österreich zu einem europäischen Hub zu machen, seien jetzt Politik, FMA, Finanzwirtschaft und Forschung gefragt, sagt der Branchenkenner und warnt zugleich: „Wenn wir diese Phase verschlafen, wird sich das Gewicht sehr schnell wieder in Richtung Schweiz oder andere Standorte verschieben.“

Autor 1
Chefredaktion

Autor 2
Finanzjournalist
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