Interview: Der Mann, der Europa ins All führt
Veröffentlicht
Lesezeit
&w=1920&q=75)
Um die Erforschung des Weltraums ist ein neuer Hype entstanden. Im Schnitt verwenden wir heute zehn- bis fünfzehnmal pro Tag Weltraumtechnologie – ohne dass es uns bewusst wäre. Wenn wir bezahlen oder unser Navigationssystem nutzen, greifen wir selbstverständlich auf Satelliten zurück. Für die – oft kostenlos bereitgestellten – Daten sorgen vor allem staatliche Akteure wie die Nasa oder die Esa, zunehmend aber auch private Unternehmen. Wie sich das rapide Wachstum des Weltraumsektors erklären lässt, weiß kaum jemand besser als Josef Aschbacher.
Seit 2021 leitet der Tiroler die Weltraumorganisation Esa. Börsianer Perspektiven erreichte ihn zwischen mehreren internationalen Terminen im Esa-Hauptquartier in Paris für ein ausführliches Gespräch. Kommt der 63-Jährige einmal ins Erzählen über die Raumfahrt, vergeht die Zeit wie auf einer Satellitenbahn: unmerklich, aber rasant. Immer wieder meint man das neugierige Funkeln jenes Volksschuljungen in seinen Augen zu erkennen, der 1969 in seiner Tiroler Heimat die Mondlandung gesehen und beschlossen hat, sein berufliches Leben der Weltraumforschung zu widmen.
Herr Aschbacher, zwischen den USA und China gibt es ein neues Wettrennen um den Mond. Dort war man schon vor 50 Jahren. Was soll das bringen? – Josef Aschbacher: Diesmal geht es nicht nur darum, dort eine Fahne zu hissen, sondern um dauerhafte Infrastruktur, Energie, Rohstoffgewinnung. Die USA wollen 2028 wieder landen, China vor 2030.
Sie haben es geschafft, dass die Esa um 32 Prozent mehr Budget bekommt. Das sind 22,3 Milliarden Euro für drei Jahre. Angesichts knapper öffentlicher Mittel ist das bemerkenswert. Wie rechtfertigen Sie diesen Betrag? – 22,3 Milliarden Euro wirken auf den ersten Blick viel. Aber global gesehen ist das ein moderates Budget. Weltweit geben öffentliche Institutionen – Nasa, Esa, Space Force, europäische und nationale Agenturen – rund 122 Milliarden Euro pro Jahr für Raumfahrt aus. 60 Prozent davon entfallen auf die USA, 15 Prozent auf China, nur etwa zehn Prozent auf Europa. Amerika investiert also sechsmal so viel wie wir. Heruntergebrochen sind das bei uns etwa 15 Euro pro EU-Bürger und Jahr – der Preis eines Kinotickets. Und die Esa macht dafür sehr gutes Kino.
Erzählen Sie, was läuft im Esa-Programm? – Wir liefern Daten für Wettervorhersagen, Navigation, Kreditkartenzahlungen, in der Landwirtschaft oder Logistik, für Energienetze, Medizin sowie Flugrouten oder Schifffahrt. Außerdem wird sie zunehmend sicherheits- und verteidigungsrelevant: Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, wie essenziell Satelliten für Kommunikation und Aufklärung sind. Die Abwehr von Asteroiden ist auch ein guter Kinostoff.
Nicht, dass man das erleben will ... – … aber 2029 fliegt der Asteroid Apophis in nur 34.000 Kilometern Distanz an der Erde vorbei. Keine Sorge, er wird die Erde nicht treffen. Wir begleiten ihn dennoch mit der Mission Ramses, um Abwehrtechniken zu testen.
Sie sagen, jeder investierte Euro erzeugt vier bis fünf Euro wirtschaftliche Wertschöpfung. Österreichs Beitrag liegt nun bei 340 Millionen Euro. Wer profitiert davon? – Die globale Weltraumwirtschaft hat ein Volumen von rund 600 Milliarden Euro und wächst mit rund zehn Prozent jährlich. In der nächsten Dekade wird sie bei etwa 1,8 Billionen Euro liegen. Erstens kommt dieses Geld über Esa-Programme wieder an österreichische Unternehmen zurück – das ist garantiert. Das passiert durch Aufträge, Steuern, Versicherungsabgaben und vor allem durch Exporterfolge, weil Firmen ihre Kompetenzen international anbieten können. Beispiele sind FACC, Alpex Technologies, Aerospace & Advanced Composites und viele weitere spezialisierte Zulieferer in Österreich.
In den USA stammen etwa 60 Prozent der Weltraumausgaben aus militärischen Budgets, in Europa nur zehn bis 15 Prozent. Wird Europa hier aufholen? – Ja. Weltweit kommt etwa die Hälfte der öffentlichen Raumfahrtausgaben aus dem Verteidigungsbereich. Europa lag lange deutlich darunter, aber das ändert sich. Deutschland investiert bis 2030 rund 35 Milliarden Euro zusätzlich in militärisch relevante Weltraumtechnologien. Auch Italien und Frankreich erhöhen massiv. Auf EU-Ebene gibt es mit Andrius Kubilius einen Kommissar für Defence and Space. Wir bewegen uns also klar in Richtung des globalen Durchschnitts.
Wie steht es um private Finanzierung, etwa über Venture Capital oder Private Markets, für die europäische Raumfahrt? – Global stammen 80 Prozent des Kapitals im Weltraumsektor aus öffentlichen Quellen. Privates Geld macht rund 20 Prozent aus. Aber der Trend ist positiv. Wir haben das Esa Investors Network aufgebaut – über 100 Partner, die Start-ups und Scale-ups finanzieren. 2024 flossen allein daraus 1,4 Milliarden Euro privates Kapital in Europa. Amerikanische Investoren kommen aktiv auf uns zu, weil der US-Markt gesättigt ist und Europa als sehr attraktiv gilt.
&w=1920&q=75)
Raumfahrt schien seit den 1990er-Jahren ein Kooperationsprojekt der Menschheit zu sein – fast wie im Geist von „Star Trek“. Wie ist die Lage heute? – Während des Kalten Krieges gab es einen US- und einen sowjetischen Block. Heute gibt es einen US-geführten und einen von China geführten Block. Europa ist fester Teil des westlichen Blocks. Die Kooperation mit Russland ist seit 2022 eingestellt. Gleichzeitig ist Europa qualitativ exzellent und zuverlässig, weil Esa-Abkommen immer mit allen 23 Mitgliedsstaaten abgestimmt sind. Das macht uns international begehrt. Wir haben aktive Kooperationen mit Japan, Australien, Neuseeland, Südkorea, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kanada und natürlich den USA. Australien will künftig ein Modell ähnlich wie Kanada – also tiefe Kooperation ohne formale Mitgliedschaft.
Mittlerweile geht ohne private Player wie Space X in der Raumfahrt wenig. Gerade hier ist Unabhängigkeit gefragt. Sie suchen die „kleinen europäischen Musks“, wie Sie unlängst sagten. Gibt es diese? – Natürlich. Es gibt großartige Unternehmer in Europa. Ein Beispiel ist ICEYE aus Finnland, ein Unternehmen, das sich auf Radarsatelliten spezialisiert hat und innerhalb von nur acht Jahren zu einem Milliardenunternehmen herangewachsen ist. Ebenfalls beachtlich ist Spire, gegründet vom österreichischen CEO Peter Platzer – ursprünglich im Silicon Valley, heute mit starken Standorten in Bayern, börsennotiert und mit einem hohen dreistelligen Millionenwert bewertet. Daneben entstehen in Europa weitere dynamische Player wie Open Cosmos, The Exploration Company und zahlreiche andere Raumfahrt-Start-ups, die zeigen, wie innovativ und wachstumsstark die europäische Space-Economy inzwischen geworden ist.
Bevor Sie 2021 Esa-Chef wurden, verantworteten Sie das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Wie hilft Weltraumforschung beim Kampf gegen den Klimawandel? – 80 Prozent der Daten für Wetter- und Klimamodelle stammen von Satelliten. Ohne Weltraumbeobachtung gäbe es keine seriöse Klimaforschung. Europa liefert mit Copernicus täglich rund 350 Terabyte Daten – frei und weltweit zugänglich. Die Daten werden in zahlreichen Bereichen genutzt, von der Landwirtschaft, wo man Bewässerung und Düngung steuern kann, über Stadt- und Forstplanung sowie Schifffahrt und effiziente Energiesysteme bis zu Börsen.
Welche Daten werden an Börsen genutzt? – Daten zeigen, wie viel Weizen angebaut wird, global oder in Russland, der Ukraine oder Amerika. Dann kann man natürlich abschätzen, wie sich der Preis entwickeln wird, weil man die Ernte etwas vorzeitig vorhersagen kann. Das hat natürlich einen sehr großen Wert. Firmen setzen das mittlerweile operationell ein, um abschätzen zu können, ob die Weizenpreise nach oben gehen oder nach unten gehen.
Sie haben selbst in Ihrer Tiroler Heimat die Mondlandung im TV erlebt und so Ihre Leidenschaft für die Raumfahrt entdeckt. Welches kollektive Ereignis könnte künftig noch mehr Menschen zu Weltraumfans machen? – Ein wirklich globales Ereignis wäre neben Missionen zu anderen Planeten jedenfalls der Nachweis außerirdischen Lebens. Die Esa startet 2028 einen Rover zum Mars, der erstmals zwei Meter tief bohren wird, um nach Spuren vergangenen Lebens zu suchen.
&w=3840&q=75)
Falls man außerirdisches Leben findet: Wäre das überraschend? – Nein. Wir wissen, dass der Mars einst Wasser, Ozeane und Atmosphäre hatte. Es wäre aber ein wissenschaftlicher Megadurchbruch. Dann könnten wir feststellen, ob die DNA-Struktur der Funde unserer ähnelt oder nicht.
Sie haben sich einst für das Austro-Mir-Programm beworben. Letztlich wurde Franz Viehböck als erster Österreicher und Kosmonaut ins All geschickt. Waren Sie im Nachhinein froh, Raumforscher statt Raumfahrer zu werden? – Ich war damals Student und eigentlich nicht qualifiziert genug. Aber es hat Spaß gemacht. Heute bin ich als Esa-Generaldirektor Chef vieler Astronauten und war an der Auswahl der jüngsten Astronautenklasse beteiligt. Das erfüllt mich sehr, insofern bin ich sehr froh, wie es gelaufen ist.
&w=3840&q=75)

Autor
Chefredaktion
%3Afocal(327x228%3A328x229)&w=3840&q=75)
&w=3840&q=75)
&w=3840&q=75)
&w=3840&q=75)