Interview

JP Morgan: "Höchste Profitmarge aller Zeiten"

Trotz wackeliger Außen- und Innenpolitik zeigen sich die US-Märkte bislang sehr stark – der Dow Jones kappte zuletzt sogar die 50.000 Punkte Marke. Sven Anders, Investment Specialist im US Equity Team von J.P. Morgan Asset Management über die Chancen mit Wall Street-Aktien, die Profiterwartungen für 2026 und die Dominanz der Magnificent 7.

Veröffentlicht

09.02.2026

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5 min
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Sven Anders ist Investment­-Spezialist für US‑Aktien bei J.P. Morgan Asset Management, der regelmäßig seine Einschätzungen zu Bewertung, Gewinnwachstum und Marktchancen im US‑Aktienmarkt teilt.

2025 waren die US-Börsen von den Entwicklungen der Magnificent 7 getrieben. Was ist mit den 493 anderen Konzernen, die Teil des S&P 500 sind? - Wir sagen schon lange: Amerika ist mehr als die sieben Tech-Unternehmen. 2023 wiesen die 493 anderen S&P 500-Konzerne allerdings vier Prozent negative Profitentwicklung auf. 2024 waren es schon vier Prozent Wachstum und für das Vorjahr wird ein Anstieg von acht Prozent erwartet. Für das laufende Jahr liegt die Prognose bei plus elf Prozent. Dadurch sollte sich die Konzentration auf die sieben Tech-Unternehmen reduzieren.

Anfang des Jahres lag die Gewichtung der Aktien der Magnificent 7 im Aktienindex S&P 500 bei rund 34 Prozent. Wie stufen Sie das dadurch entstandene Klumpenrisiko ein? - Chat GPT von Open AI ist eigentlich erst seit drei Jahren populär. Alle Unternehmen, selbst sehr traditionelle Retail-Unternehmen, investieren viel in den Online- und KI-Ausbau. Deswegen sehen wir das Thema nicht als sektorales Thema sondern als grundsätzlichen Wirtschaftstrend an. Die Entwicklung erinnert an frühere digitale Trends, etwa die Verbreitung des Internets, die Entwicklung von Computern oder etwa von Cloud-Services. Interessant ist, wie die KI-Nutzung in Unternehmen umgesetzt wird und Produktivität steigern kann. Die Verbreitung von KI-Agents steigt gerade enorm, viele Prozesse, die aktuell manuell stattfinden, werden damit automatisiert.

Der Dow Jones (grau) umfasst 30 Top-US‑Konzerne, der S&P 500 (orange) bildet die 500 größten börsennotierten US‑Unternehmen ab, und die Nasdaq (beige) steht als technologiegeprägter Index für den Schwerpunkt auf Tech‑ und Wachstumswerten.

 Sehen Sie die Gefahr eines Börsencrashs? - In den vergangenen Jahren haben die Börsen mehrmals unterjährig um rund 20 Prozent korrigiert. Wenn wieder eine Korrektur im ähnlichen Ausmaß kommt und das Kalenderjahr trotzdem positiv abgeschlossen wird, ist das also nicht außergewöhnlich. Der S&P 500 liegt auf Drei-Jahres-Sicht rund 70 Prozent im Plus. Es kann immer mal wieder einen Rücksetzer geben. Aber ich gehe nicht davon aus, dass ein Crash naht. Fundamental sieht es einfach zu gut aus. Geopolitisch ist das anders. Da ist die Einschätzung der weiteren Entwicklungen sehr schwierig.

 US-Aktien sind teuer. Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis der Nasdaq-Aktien liegt bei einem Wert von rund 33, beim S&P 500 etwa bei 28. Macht Ihnen das Sorgen? - Man sollte das KGV auf Basis der Gewinnschätzungen für die nächsten zwölf Monate beachten. Beim S&P 500 lag der Wert Ende 2025 bei 22. Seitdem ist er wieder leicht gestiegen. Der S&P 500 sieht von einer Top-Down-Perspektive nicht ganz so günstig aus. Das stimmt. Aber das ist dem Umstand geschuldet, dass wir eine sehr, sehr große Konzentration im Markt haben. Nur 12 Aktien haben im Index ein Gewicht von mehr als einem Prozent. Und ein Blick auf die einzelnen Titel zeigt: Die Aktie von Tesla ist mit einem Forward-KGV von 85 teuer. Palantir hat sogar ein 120-faches Forward-KGV. Etwas anders sieht es bei Meta und Nvidia mit einem KGV von rund 24 aus. Angesichts des Wachstums der Konzerne ist das nicht teuer. Und auch der Gesamtmarkt ist nicht teuer, sondern die Bewertung wird von einigen Aktien hochgehalten. Deswegen ist es umso wichtiger, tiefer einzusteigen und sich einzelne Sektoren anzusehen.

 Welche Sektoren können sich in den USA gut entwickeln? - Technologie bleibt spannend. Wir sind in diesem Bereich immer noch leicht übergewichtet, aber nicht mehr so stark wie voriges oder vorletztes Jahr. Wir erwarten zweistelliges Gewinnwachstum im Finanzwertebereich, bei Aktien aus dem Gesundheitswesen, im Energiebereich, bei Versorgern und bei Industriegütern. Im Biotechnologie-Bereich gibt es attraktive und weniger attraktive Aktien. Das Thema Robotic Surgery ist beispielsweise interessant geworden.

Fundamental sieht es einfach zu gut aus. Geopolitisch ist das anders.
Sven Anders

Wie steht die Wall Street in Vergleich zu Europas Börsen da? - Sven Anders: Der Bewertungsabschlag europäischer Aktien gegenüber US-Papieren sieht mit 30 Prozent relativ groß aus. Dabei muss man allerdings die Gewichtung einzelner Sektoren berücksichtigen. Technologie ist in den USA mit 35 Prozent gewichtet. In Europa entfallen sieben Prozent auf Technologiewerte. Die Bewertung von Finanztiteln und aus dem Gesundheitswesen ist in Europa doppelt so hoch wie in den USA. Wer einen Bewertungsvergleich nach Sektoren heranzieht, wird erkennen, dass der Abschlag von Europa zu den USA nur bei fünf Prozent liegt. Wenn dann noch das Gewinnwachstum berücksichtigt wird, zeigt sich, dass US-Aktien sogar günstiger sind, als jene aus Europa. Im Vorjahr haben die Profite in Europa nicht angezogen, in den USA lag das Wachstum wie erwähnt bei 11 Prozent. Dieses Jahr wird in den USA mit plus 14 Prozent gerechnet, in den Europa nur mit acht Prozent. Das bedeutet nicht, dass ich europäische Aktien nicht attraktiv finde. Aber es stimmt eben nicht, dass die USA teurer sind.

 Europas Wirtschaft entwickelt sich schwach. Wie bedeutet das für die Wall-Street-Unternehmen? - Europa darf nicht ins Hintertreffen geraten, weil sich das Match sonst nur noch zwischen China und den USA sich abspielt. Die Schwäche Europas hilft den USA. Europäische Aktien aus dem Rüstungsbereich können zwar nun von dem enormen Nachholbedarf bei den Investitionen profitieren. Aber die Verträge sind über die nächsten zehn Jahre verteilt. Dazu kommt, dass die Kapazitäten europäischer Defense-Unternehmen limitiert sind. Das spricht für US-Konzerne des Sektors.

 OpenAI hatte vorigen Herbst eine Bewertung von knapp 500 Milliarden US-Dollar, bei SpaceX waren es 800 Milliarden. Bei einem Börsengang werden 1,5 Billionen erwartet. Und der Volatilitätsindex VIX befindet sich auf einem tiefen Niveau. Ist das nicht ein guter Nährboden für Börsengänge? - Wir sehen, dass Unternehmen vergleichsweise lang privat bleiben. Zum Beispiel OpenAI. Der Unternehmenswert wird mittlerweile sogar auf 680 Milliarden Dollar geschätzt. Wir gehen davon aus, dass das Unternehmen mittel- bis langfristig an die Börse gehen wird. Einfach, weil es irgendwann nicht mehr ausreicht, als privates Unternehmen große Finanzierungsquellen anzuzapfen.

Die Schwäche Europas hilft den USA.
Sven Anders

 Es gibt einige Konzerne wie NVIDIA, Microsoft, Apple oder Alphabet, die eine Marktkapitalisierung über vier Billionen US-Dollar aufweisen. Hätten Sie das vor fünf Jahren erwartet? - Vor fünf Jahren wahrscheinlich weniger, vor drei Jahren vielleicht. Oft wird vergessen, dass Nvidia vor ein paar Jahren fast einmal pleite gegangen wäre. Und es hat 25 Jahre gebraucht, um auf eine Billion Marktkapitalisierung zu kommen. Danach wurden die Zeiträume von Milliarde zu Milliarde, die von tatsächlichen Umsätzen getrieben sind, immer kürzer. Das ist auch der Unterschied zur Dotcom-Blase. Damals gingen 70 Prozent der Aktienerträge auf Spekulation zurück. Aktuell sind 80 Prozent durch Cashflows und Umsätze getrieben.

Welche Folgen hat die US-Zollpolitik? - Die Folgen sind überschaubar und weniger stark als befürchtet. Auch die Sorge, dass damit die KI in China gestärkt wird, sehen wir nicht so dramatisch. Konkurrenz ist grundsätzlich gut. Das kompetitive Verhalten wird angekurbelt. Und Unternehmen finden immer einen Weg, mit Zöllen umzugehen.

 Welche Bedeutung hat die Schwäche des US-Dollars? - Für europäische Investoren war die Entwicklung im Vorjahr nachteilig. In den Jahren davor war das Gegenteil der Fall. Ich glaube, dass sich der Kurs nicht stark bewegen wird. Die Langfristprognose weist auf einen Euro-Dollar-Kurs von 1:1 bis zu 1:1,25 hin. Der schwache Dollar hilft den US-Exporten. Davon kann Amerika profitieren.

Robert Winter

Autor

Robert Winter

Finanzjournalist

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